III. Chronik.
Das nunmehr verflossene Schuljahr 1897/98 wurde am 27. April v. J. begonnen und schliesst mit dem 2. April d. J. Die Eröffnung des Schuljahres fand in herkömmlicher Weise durch den unterzeichneten Vorstand in gemein- samer Versammlung der Lehrer und Schüler mit Gebet und Gesang statt, woran sich eine Ansprache anschloss. Hierauf wurden 32 neue Schüler aufgenommen, welche tags zuvor die Aufnahme-Prüfung bestanden hatten. Vor- schriftsmässig wurden diese Schüler mit den Verordnungen der Anstalt bekannt gemacht, wobei die ins neue Schuljahr übergehenden früheren Schüler anwesend waren. Auch ihnen wurden die Gesetze wieder in Erinnerung ge- bracht, durch die Ordnung und gute Sitte in der Schule aufrecht erhalten werden. Gar leicht wird die erziehliche Aufgabe der Lehr- anstalten in den Hintergrund gedrängt gegen die Förderung der Schüler in ihrem Wissen und Können, indem hierauf sich vorzugsweise die Versetzungen und Prüfungen gründen. Es erscheint daher für den Vorstand einer Schule angezeigt, geeignete Momente im Schulleben, wie Anfang und Ende eines Quartals zu An- sprachen an die Schüler zur Förderung von
Ordnung und guter Sitte zu benutzen. Wie nun seit mehreren Jahren vorgeschrieben,
wurden die Schüler der oberen Klassen vor der Teilnahme an verbotenen Verbindungen eindringlich gewarnt und auch auf die gesetz- lichen strengen Strafen hingewiesen, wodurch leicht der Lebenslauf des schuldigen Jünglings in eine nicht gewünschte Richtung gedrängt, die er dann zeitlebens bereut.
Die neu eingetretenen Schüler mussten nun durch Handschlag dem Direktor der An- stalt, als Vertreter des Lehrerkollegiums, das Versprechen geben, die vorgelesenen und durch weitere Ausführungen erklärten Ver- ordnungen der Schule treu zu halten und die gegebenen Ermahnungen und Warnungen stets zu beachten. Auch die älteren Schüler wurden daran erinnert, dass sie bei ihrer Auf- nahme ein gleiches Versprechen gegeben, wo- durch sie sich zur Befolgung der Gesetze der Anstalt und insbesondere auch zur Befolgung
des Verbotes der Schülerverbindungen während ihrer Schulzeit verpflichtet hätten.
Wenn die Zahl der aufgenommenen Schüler um ca. 7 Schüler gegen die durchschnittliche Aufnahme der letzteren Jahre zurückbleibt, so ist wohl die gewesene Ungewissheit über die Neuorganisation der Realschule als Ursache anzusehen.
Mehrfache Wahrnehmungen liessen an- nehmen, dass die Realschule in ihrer gegen- wärtigen Form nicht mehr den vielseitigen Ansprüchen genügte. Es fanden daher auf Grund eines von dem Herrn Direktor Dr. See- haussen erstatteten Gutachtens„über die Aus- gestaltung der Realschule zur Ober-Realschule“ Beratungen in dem Kuratorium und den beiden städtischen Behörden statt. Auch in Ver-— sammlungen von Interessenten und in den hie- sigen Tagesblättern wurde die Frage erörtert, welche der höheren Lehranstalten— Ober-Realschule, Realgymnasium oder Reform- Realgymnasium— für die gegenwärtigen Ver- hältnisse Marburgs die geeignetste sei. In den resp. Behörden entschied man sich mit an Ein- stimmigkeit grenzender Majorität für den Ausbau der Realschule zur Ober-Realschule durch Hinzufügung von drei weiteren oberen Klassen. Hierdurch wurde denn auch das bei der Umwandlung des Realprogymnasiums zur lateinlosen Realschule im Jahre 1892 von den zuständigen Behörden gegebene Versprechen erfüllt. Und da im Monat Januar d. J. 12 Schüler der Unter-Sekunda oder gegenwärtigen Prima mit Zustimmung ihrer Eltern erklärten, Ostern 1898 in die neuzugründende Ober-Sekunda einer Ober-Realschule einzutreten, entschloss man sich an leitender Stelle schon in diesem Jahre die genannte Klasse zu errichten und thunlichst schnell die erforderlichen Lehrkräfte zu beschaffen. Dieser Beschluss und das ge- nannte Vorgehen fand in der Bürgerschaft allseitige Zustimmung.
Die Unvollständigkeit der bisherigen Real- schule wird nun in bester Art beseitigt, und so- mit den Eltern die günstige Gelegenheit ge- geben, ihren Söhnen die bei dem gegenwärtigen grossartigen Aufschwung der Technik, der In-
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