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auch durch die ſorgfältigſte Bearbeitung nicht abgeſtellt werden können; das Auge des Kenners wird durch die Details der Bearbeitung den ſtörenden Mangel entdecken. Auf der anderen Seite wird auch der richtigſte Vorwurf des Künſtlers ohne die künſtleriſche Bearbeitung noch kein vollendetes Kunſtwert darſtellen. Es gehört eben beides notwendig zuſammen. Ebenſowenig werden Sprache und Mathema⸗ tik für ſich allein eine genügende allgemeine Bildung darſtellen, da ſie nicht imſtande ſind, alle Kräfte des menſchlichen Geiſtes⸗ und Gemütslebens zu erfaſſen; es bedarf eben aller der anderen Fächer zur harmoniſchen Vollendung. Damit nun die Schule dieſe ſyſtematiſche Arbeit zur Entfaltung der geiſtigen Anlagen des Kindes beginnen, fortführen und, dem der Schule vorgeſchriebenen Ziele entſprechend, vol⸗ lenden kann, bedarf es der ſtetigen Mitwirkung des elterlichen Hauſes. Dieſe Mitwirkung erſtreckt ſich zunächſt auf die Anregung zu regelmäßiger Thätigkeit und auf die Behütung vor allen ſtörenden Ein⸗ wirkungen. Nichts vermag ſo ſehr die geiſtige Kraft zu wecken und allmählich zu immer höheren Leiſtungen zu befähigen, als eine regelmäßige Thätigkeit. Wie die Kraft eines Magneten wächſt, wenn man ihn täglich beſchäftigt und ihm etwas mehr zu tragen gibt, während er unbeſchäftigt allmählich ſeine Anziehungskraft verliert, ſo wachſen auch die Kräfte des menſchlichen Geiſtes durch die fortdauernde Übung. Die Schule ſelbſt gibt durch ihre häuslichen Arbeiten hierzu Veranlaſſung und ſorgt dafür, daß die Auswahl derſelben die verſchiedenen Geiſtes⸗ und Seelenkräfte, das Gedächtnis, die Einbildungs⸗ kraft, den Verſtand und das Gemüt erfaſſe und bilde, ſie ſorgt auch dafür, daß dieſe häuslichen Arbeiten in der Schule nachgeſehen, beurteilt, verbeſſert und zur geiſtigen Entwicklung ausgenützt werden; allein ſie muß von den Eltern erwarten, daß dieſe die Kinder zur Anfertigung ihrer häuslichen Arbeiten und zu regelmäßiger Thätigkeit anhalten. Erſt hierdurch werden die Eltern es erfahren können, wenn die viel beſprochene Überbürdung in bezug auf die häuslichen Arbeiten ſtattfindet, und die höheren Ortes gewünſchte, und zwar nicht anonyme, Anzeige machen. Denn ein Übermaß geiſtiger Arbeit würde nicht nur der köperlichen, ſondern auch der geiſtigen Entwicklung ſchädlich ſein, wie der Magnet, um wieder dieſes Bild zu gebrauchen, ſeine Kraft verliert, wenn man ihm auf einmal zu viel zu tragen gibt. Eine maßvolle geiſtige Thätigkeit aber iſt zugleich das beſte Mittel, das Kind und den heranrei⸗ fenden Jüngling vor allen Ausſchreitungen zu bewahren. Es liegt gerade darin der Hauptſegen der Arbeit. Ein beſchäftigtes Kind hat weder Zeit noch Sinn für die Zerſtreuungen und Vergnügen, woran heutzutage eine blaſierte Jugend allein Geſchmack findet. Ich rede nicht von den Erholungen und Freu⸗ den im Kreiſe froher Jugendgenoſſen, unter den Geſchwiſtern am häuslichen Heerde, von den reinſten und ſchönſten Genüſſen in Gottes herrlicher Natur; dieſe werden wahrhaft ſtärken und zu neuen geiſtigen Anſtrengungen anſpornen, während jene den Geiſt und den Körper erſchlaffen. Weil nun aber nichts ſo ſehr verdirbt, als ſchlechtes Beiſpiel, ſo werden die Eltern ganz beſonders den Umgang ihrer Kinder zu überwachen haben; ſie werden ſie behüten vor dem Geiſte der Genußſucht und Über⸗ ſättigung, der heutzutage leider in alle Schichten der Bevölkerung eingedrungen iſt, indem ſie ihre Kinder an ein einfaches und genügſames Leben von früheſter Jugend an gewöhnen und ihnen Geſchmack an den Freuden und Erholungen beibringen, die eine Quelle reiner und dauernder Genüſſe darbieten. Aber die Anregung zur regelmäßigen Thätigkeit und die Behütung vor allen ſtörenden Einwirkungen reicht da nicht aus, wo ſich die Eltern keinen feſtbeſtimmten Plan bei der Ausbildung ihrer Kinder gebildet haben. Hier komme ich nun auf eine Haupturſache des Zurückbleibens manches Schülers. Jedes Jahr werden Schüler angemeldet, die vermöge ihres vorgerückten Alters nicht mehr in die Unterklaſſen der Realſchule paſſen, die aber in wichtigen Unterrichtsgegenſtänden, namentlich in den fremden Sprachen, entweder noch keinen, oder doch nur einen mangelhaften Unterricht genoſſen haben. Wie ſchwer werden ſolche Kinder den Anforderungen der Schule entſprechen können, wenn ſie nun erſt die ſehlenden Kenntniſſe durch Privatſtunden ſich aneignen müſſen! Tritt da nicht die Gefahr ein, daß ſie nicht rechtzeitig beikommen, daß ſie mit geiſtigen Anſtrengungen überbürdet werden? Hier haben die Eltern gefehlt, indem ſie ſich nicht rechtzeitig einen feſtbeſtimmten Plan für die Ausbildung ihres Sohnes machten. Haben ſie die Abſicht, ihre Kinder einer höheren Lehranſtalt anzuvertrauen, ſo müſſen ſie das frühzeitig thun, damit die Kinder von unten herauf geführt und in den Elementen des Wiſſens befeſtigt werden.
Der Mangel eines feſtbeſtimmten Planes zeigt ſich beſonders auch darin, daß die Eltern ſich


