Jahrgang 
1888
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dabei nach und nach in den Stand geſetzt werden, frühzeitig den richtigen Beruf für ihre Kinder zu er⸗ kennen. Denn es bleibt eine unumſtößliche Wahrheit, die durch alle Erfahrungen immer und immer wieder ſich beſtätigt, daß nur der Beruf der richtige iſt und einen Menſchen dauernd beglückt, der von innenheraus gewählt iſt, das heißt, der ſeinen Anlagen und Kräften vollſtändig entſpricht.

Ich habe nun noch einige Schüler, die ſich in dem abgelaufenen Schuljahr durch fortgeſetzten Fleiß, gute Leiſtungen und ein muſterhaftes Betragen ausgezeichnet haben, zu beloben. Es ſind dies folgende Schüler:(Namenverleſung.)

Wenn ich euch heute vor dieſer großen Verſammlung, vor euren Eltern und Geſchwiſtern, vor euren Lehrern und Mitſchülern ein Lob erteilen kann, ſo werdet ihr nach meinen heutigen Auseinander⸗ ſetzungen erkennen, was eure Eltern von Jugend auf an euch gethan haben, und ihnen dafür durch fort⸗ geſetzten Fleiß, durch willigen Gehorſam ſtets dankbar ſein. Nicht euer Verdienſt allein iſt es, daß ihr den Anforderungen der Schule in bezug auf Leiſtungen und Betragen ſo vollſtändig entſprochen habt; eure Eltern haben von eurer früheſten Jugend an unter großen Mühen und Sorgen für euch gewirkt und ge⸗ wacht, euch zu nützlicher Thätigkeit angehalten, euch vor allen Verſuchungen und Verführungen bewahrt, und euch auf die Bahn fortſchreitender Entwicklung geſtellt, die euren Kräften und Anlagen entſprach. An dieſe Thätigkeit eurer guten Eltern hat dann die Schule, haben die Lehrer derſelben angeknüpft, und dem harmoniſchen Zuſammenwirken von Schule und Haus verdankt ihr, daß euch der Weg zur Vervoll⸗ kommnung in geiſtiger und ſittlicher Beziehung geebnet worden iſt. Wohl dürfen wir euch darum loben, daß ihr gern und willig dieſen Weg gegangen ſeid zur Freude eurer Eltern und Lehrer. Wandelt nun weiter auf dieſem Wege, das wird der ſchönſte Dank ſein, den ihr euren Eltern und Lehrern dar⸗ bringen könnt.

Und nun habe ich noch ein paar Worte an diejenigen Schüler zu richten, welche heute dieſe Schule verlaſſen, um entweder jetzt ſchon in ihren Lebensberuf einzutreten, oder um in einer anderen höheren Schule ihre Ausbildung fortzuſetzen. Wir waren in Gemeinſchaft mit eueren Eltern beſtrebt, euch diejenige geiſtige und ſittliche Ausbildung zu geben, die man heutzutage als die Grundlage zu jedem Berufe nötig hat. Auf dieſer Grundlage aber müßt ihr fleißig fortbauen, ihr müßt immer tüchtiger in euren Kenntniſſen und Leiſtungen, immer geſitteter und beſſer werden. Gerade unſrer Zeit, in der alle Berufsarten überſetzt ſind, in der die ſtets wachſende Concurrenz jedes Fortkommen erſchwert, fordert hervorragende Leiſtungen in jeder Beziehung. Seht daher das Leben, das ſich jetzt vor euch aufthut, nicht an, wie viele thun, als ein Leben voll Freude und Genuß, ſondern verdient euch erſt durch Arbeit und Anſtrengung den ſüßen Lohn der Erholung und Ruhe. Viele wollen da anfangen, wo der Weiſe und Verſtändige aufhört; in den Hafen behaglicher Ruhe und ſeliger Freude führt nur emſiges Ringen und Streben unter dem Beiſtand Gottes. Darum rufe ich euch das Wort des Altmeiſters Göthe zu in ſeinem Schatzgräber, der auf unrichtige Weiſe und an unrichtigem Orte das Glück ſuchte:

Trinke Mut des reinen Lebens! Dann verſtehſt du die Belehrung, Kommſt mit ängſtlicher Beſchwörung Nicht zurück an dieſen Ort.

Grabe hier nicht mehr vergebens! Tages Arbeit! Abends Gäſte! Saure Wochen, frohe Feſte!

Sei dein künftig Zauberwort!

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