Jahrgang 
1888
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Geh fleißig um mit deinen Kindern! habe

Sie Tag und Nacht um dich, und liebe ſie, Und laß dich lieben einzig ſchöne Jahre;

Denn nur den engen Traum der Kindheit ſind Sie dein, nicht länger! Mit der Jugend ſchon Durchſchleicht ſie vieles bald, was du nicht biſt, Und lockt ſie mancherlei, was du nicht haſt, Erfahren ſie von einer andern Welt,

Die ihren Geiſt erfüllt; die Zukunft ſchwebt Nun ihnen vor. So geht die Gegenwart Verloren. Mit dem Schülertäſchchen dann Voll Nötigkeiten zieht der Knabe fort.

Du ſiehſt ihm weinend nach, bis er verſchwindet, Und nimmer wird er wieder völlig dein!

Dreimal glücklich das Kind, das mit kräftigem Körper, mit geſunden und entwickelten Sinnen, bereichert durch mancherlei nützliche Anſchauungen und Wahrnehmungen, die bereits innerlich zur Entwicklung wichtiger Seelenanlagen benutzt worden ſind, geübt im mündlichen Gebrauch ſeiner Mutterſprache, in die Schule eintritt. Leicht wird es nun den ſyſtematiſchen Anforderungen der Schule, die ganz auf den⸗ ſelben Grundſätzen beruhen, entſprechen können.

Dieſe Anforderungen ſind im Grunde für alle Schulen dieſelben, da ſie dasſelbe Ziel, nämlich die körperliche, geiſtige und ſittlich⸗religiöſe Entwicklung des Menſchen zur Selbſtändigkeit verfolgen; ſie unterſcheiden ſich nur in dem Grade der Entwicklung und in den Mitteln zur Erreichung des Zieles. Wiederum ſind es die Sprachen, vornehmlich die Mutterſprache, die der weiteren Ausbildung zunächſt dienen müſſen. Die Übungen im mündlichen Gebrauche der Sprache werden fortgeſetzt, und allmählich werden durch die Fertigkeit im Leſen und Schreiben neue geiſtige Anſchauungen der Seele des Kindes zugeführt. Hierauf werden die Beziehungen der Begriffe aufeinander und ihre Verbindung zu Gedanken, die For⸗ men und deren Veränderungen und die ſyntactiſchen Geſetze der Sprache geübt und hierdurch neben tieferem Verſtändnis des Sprachbaues die verſchiedenen Seiten des Verſtandes geübt, während zugleich durch den reichen Inhalt der Literatur die Entwicklung des Gefühls⸗ und Willensvermögens gefördert wird. Wenn nun ſchon die Mutterſprache für ſich allein die verſchiedenen Seiten des menſchlichen Geiſtes zu entwickeln vermöchte, ſo wird die Ausbildung dennoch ungleich reicher und umfaſſender, wenn die Beſchäftigung mit den fremden, den alten oder den neueren, Sprachen hinzutritt, indem die Verſchiedenheit ihres Baues und ihrer Geſetze den Geiſt vielſeitiger ſchult, ſo daß erſt hierdurch die Schönheit und der Reichtum der Mutterſprache ganz erkannt wird. Neben dieſe ſprachliche Ausbil⸗ dung, welche die verſchiedenen Seiten des menſchlichen Geiſtes entwickelt und durch ihren Inhalt zu⸗ gleich mit den wichtigſten geiſtigen Errungenſchaften eines Volkes bekannt macht, muß in jeder Schule ein Lehrgegenſtand treten, der die abſtrakten Geſetze des Denkens und die logiſche Schlußfolgerung aus den Vorderſätzen übt und der gewiſſermaßen in die geiſtige Werkſtätte einführt, wo die Natur des Denk⸗ vermögens erkannt und zur Herleitung wichtiger Wahrheiten ausgenützt wird. Hierzu dient die Be⸗ ſchäftigung mit den abſtrakten Begriffen des Raumes und der Zahl, die Mathematik, deren Sätze aus der Natur unſeres Denkvermögens abgeleitet, von Stufe zu Stufe den Geiſt an ſtreng logiſches Denken und Schließen gewöhnt und zugleich mit praktiſch anwendbaren Wahrheiten bereichert. An dieſe Aus⸗ bildung in der Sprache und Mathematik ſchließen ſich naturgemäß alle übrigen Kenntniſſe und Fertig⸗ keiten an und geben die ſogenannte allgemeine Bildung. Alle die hinzutretenden Fächer, die Geſchichte und Geographie, die Naturwiſſenſchaften, die Fertigkeiten im Schreiben und Zeichnen, im Singen und Turnen, ſo notwendig ſie zur allgemeinen Bildung gehören, und ſo wenig eine Ausbildung in Sprache und Mathematik allein die wahre allgemeine Bildung iſt, können indeſſen einen Mangel, eine Lücke in jenen Fächern nicht ergänzen. Sprache und Mathematik bilden daher in der geiſtigen Entwicklung das, was der Vorwurf, der Riß des Künſtlers, für das Kunſtwerk darſtellt. Ein Mangel, ein Fehler in dieſem Vorwurf wird