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Intereſſe der uns anvertrauten Jugend und unſerer Anſtalt verpflichtet halten, dieſen Urſachen etwas genauer nachzuſpüren und Ihre Aufmerkſamkeit auf die Beantwortung der allgemeinen Frage zu richten:
„Was können und ſollen die Eltern zur Entwicklung der geiſtigen Fähigkeiten ihrer Kinder thun, und wie können ſie hierdurch zur Erreichung der geiſtigen Ziele der Schule beitragen?“
Die Beantwortung dieſer Frage hängt mit der ſo intereſſanten Betrachtung der geiſtigen Entwicklung des Menſchen überhaupt zuſammen, weshalb ich hoffen darf, nicht nur den Eltern und Angehörigen unſerer Schüler jene tiefer liegenden Urſachen mangelhafter Entwicklung aufzudecken und ſie dadurch vor manchen ernſten Erfahrungen zu bewahren, ſondern auch die gütige Aufmerkſamkeit der hohen und hoch⸗ geehrten Anweſenden auf kurze Zeit zu feſſeln.
Körperlich und geiſtig hilflos, aber mit wunderbaren Anlagen des Körpers und des Geiſtes ausgerüſtet, tritt der Menſch in dieſes Leben ein. Die körperlichen Anlagen entwickeln ſich zuerſt und ſind fortdauernd die Grundlagen der ſeeliſchen Ausbildung, eine wichtige Wahrheit, die zwar den alten Griechen ſo ſelbſtverſtändlich war, daß ſie den Namen für die urſprünglich den körperlichen Ubungen der Jugend dienenden Stätten ſpäter auf die höchſten geiſtigen Bildungsanſtalten, wo Sophiſten und Philoſophen ihre Schüler um ſich verſammelten, übertrugen, die aber erſt in unſerer Zeit wieder die ſorgfältigſte Berückſichtigung findet. Allmählich dämmert dann das ſeeliſche Leben des Kindes auf, wie die Sinne, die Pforten, durch welche die Außenwelt ihren Einzug in das erwachende Geiſtesleben des Menſchen hält, ſich ausbilden. Glücklich das Kind, das mit einem kräftigen Körper und geſunden Sinnen ausgeſtattet, in dieſes Leben eintritt; es hat damit die Grundlagen zu jeglicher geiſtigen Bildung empfangen. Aber die Sinne, vornehmlich die höchſten derſelben, das Geſicht und das Gehör, müſſen auch ausgebildet, durch ſie müſſen der Seele des Kindes diejenigen Anſchauungen zuge⸗ führt werden, welche geeignet ſind, die wichtigſten Seelenkräfte: das Vorſtellungsvermögen und die Ein⸗ bildungskraft, das Gedächtnis und die Aufmerkſamkeit, das Selbſtbewußtſein und den Willen, den Ver⸗ ſtand und das Gemüt zu bilden. Sorgſame Eltern werden daher nicht allein dieſe Sinne vor jeglicher Gefahr ſchützen, ſondern ſie werden auch darauf bedacht ſein, durch eine richtige Auswahl lehrreicher Gegenſtände aus Natur und Kunſt oder aus dem häuslichen und öffentlichen Leben, ſei es durch Be⸗ trachtung der wirklichen Objecte oder ihrer Nachbildungen, ſei es durch den Rythmus in Ton und Wort, dieſe Sinne zu entwickeln; ſie werden oft zu dieſen Anſchauungen und Wahrnehmungen zurückkehren, damit dieſelben klar und deutlich werden; ſie werden durch die Sprache dieſe Anſchauungen und Wahrneh⸗ mungen erſt zur Entwicklung der geiſtigen Anlagen des Kindes ausnützen und zum unverlierbaren Eigentum machen. Die Sprache, das geiſtige Band zwiſchen den Menſchen, wird zugleich das Werkzeug zur Bethätigung der erwachenden Seelenkräfte. Zwar beſorgt die Natur vielfach ohne unſer Zuthun dieſes Geſchäft der Ausbildung der Sinne und der hierauf beruhenden Entwicklung der Seelenkräfte, da ein mächtiger Trieb dazu in jedem Menſchen liegt; allein es kann bei geringeren Anlagen oder bei un⸗ günſtigen äußeren Verhältniſſen ſchon hier eine Lücke bleiben, die ſich ſpäter bemerkbar macht. Hier beginnt daher ſchon die Thätigkeit der Eltern, namentlich der Mütter, für das geiſtige Leben des Kindes, die um ſo wichtiger iſt, als ſie in harmoniſcher Weiſe alle Seelenkräfte des Kindes ergreift und es für ſein ganzes Leben an den goldenen Lebensmorgen erinnern wird. Zu allen Zeiten haben daher bedeutende Menſchen klar erkannt, daß ſie dieſen erſten Anregungen, dieſem behütenden und ent⸗ wickelnden Einfluß ihrer Eltern, vornehmlich ihrer Mütter, unendlich viel verdanken und daher ſtets mit der innigſten Liebe und Dankbarkeit auf ſie zurückgeblickt. Der Segen dieſer Beſchäftigung ſorg⸗ ſamer Eltern erſtreckt ſich nicht nur auf den ſüßen Traum der Kindheit, indem er ihn zur Quelle der lieblichſten Freuden macht, er wirkt auch auf die ſpätere Lebenszeit, in der die verſchiedenſten Einflüſſe ſich geltend machen, indem er behütend und anſpornend zugleich den Menſchen ſeinem Lebensziel zuführt. Mit Recht ſagt daher Schefer in ſeinem Laienbrevier:


