Jahrgang 
1886
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19 10

Von hier begaben wir uns nach dem an der weſtlichen Seite des Friedrichsbaues liegenden Keller und beſahen das bekannte Heidelberger Faß und den daneben ſtehenden Zwerg Karl Philipps Perkeo. Ein Durchgang vom Hofe durch den Friedrichsbau führt alsdann nach dem an der Nordſeite liegenden großen Altan mit den beiden Erkern, von wo aus man eine herrliche Ausſicht auf die Stadt, den Neckar, die Brücke und die umliegende Gegend genießt. Rückwärts ſchauend hat man die Front des Friedrichsbaues und rechts den ſogenannten dicken Turm, der den Feſtſaal Friedrichs V. enthielt und der noch mit den aus Epheu umwachſenen Blenden hervortretenden Standbildern Friedrichs V. und ſeines Bruders Ludwig V. geziert iſt. Von der anſtrengenden Morgenfahrt und den mancherlei Ein⸗ drücken ermüdet, begaben wir uns unter das kühle Laubdach der Schloßwirtſchaft und erquickten uns durch ein Glas friſchen Bieres, zu welchem unſere Mundvorräte vorzüglich ſchmeckten. Hierauf beſuchten wir noch die Terraſſe, von welcher man eine herrliche Ausſicht auf das Schloß und die Stadt hat und ſtiegen alsdann zur Molkenkur, in deren Nähe die unbedeutenden Trümmer des ſogenannten alten Schloſſes liegen. Nachdem wir uns an der umfaſſenden Ausſicht über das weite Neckarthal, die Rheinebene, das Haardtgebirge und über zahlreiche Orte erquickt hatten, ſtiegen wir den Schloßberg auf der Weſtſeite hinab, gingen durch die Stadt, beſuchten das Gaſthauszum Ritter, eines von den wenigen Häuſern Alt⸗ heidelbergs, das aus dem Brande 1693 gerettet worden iſt, ſowie die von Carl Theodor erbaute, mit ſeinem Standbild und dem der Minerva geſchmückte Brücke und wanderten dann durch die Hauptſtraße dem Bahnhofe zu. Raſch führte uns hierauf die Eiſenbahn in die gaſtlichen Räume des Leininger Hofes in Eberbach, wo ein vorzügliches Mittageſſen uns um 5 Uhr erwartete. Bei Tiſche benutzte der Unter⸗ zeichnete einige freie Minuten, um die gewonnenen Eindrücke vorerſt feſtzuſtellen, indem er namentlch an die hiſtoriſche Bedeutung des Ausfluges erinnerte. Er knüpfte dabei an eine Anſprache an, die er bei einem Ausfluge nach Eberbach an die Schüler gehalten und worin er an die Bedeutung größerer Ausflüge für die Schule aufmerkſam gemacht hatte. Er hatte damals geſagt, daß Schulausflüge nur dann einen bleibenden Wert für die Jugend haben, wenn ſie ſich nicht nur auf die gemeinſchaftliche Wanderung, auf die Einkehr und Befriedigung der leiblichen Bedürfniſſe beſchränken, wenn die Aus⸗ bildung der körperlichen Kraft, die Gewöhnung der Jugend an Hitze und Kälte, an Unbill der Witterung, an Ertragung von Hunger und Durſt nicht der einzige Zweck der Wanderung bleibt, ſondern wenn die Jugend unter Begleitung der Lehrer mit geiſtigen Augen anſchauen lernt, wenn die gewonnenen Eindrücke durch den Unterricht vertieft werden. Er hatte ſchon damals darauf hingewieſen, daß eine derartige Benutzung der Schulausflüge namentlich für den Unterricht in der Geographie, der Geſchichte, der Natur⸗ geſchichte und Naturkunde überhaupt von außerordentlichem Werte ſein könnte. Er hob hierauf in kurzen Zügen die hiſtoriſche Bedeutung des Ausfluges hervor, indem er ſagte:

Unſere heutige Fahrt brachte uns in wenigen Stunden in Gebiete, die noch bis zum Anfang dieſes Jahrhunderts in verſchiedenem Beſitz waren: aus der Erbacher Grafſchaft in die reichsfreie Stadt Eberbach, das churmainz'ſche Hirſchhorn, das zum Bistum Worms gehörige Neckarſteinach, in die ſtolze Reſidenz der Pfalzgrafen am Rhein, wo 6 Jahrhunderte lang deutſches Culturleben die ſchönſten Blüten trug. Die Pfalzgrafen, urſprünglich zu Aachen heimiſch, waren die Träger der königlichen Rechtspflege, die Verwahrer der königlichen Einkünfte, ja des Kaiſers Stellvertreter und genoſſen daher das höchſte Anſehen. Nach dem Tode des Pfalzgrafen Hermann III. belehnte Friedrich Barbaroſſa ſeinen Stief⸗ bruder Konrad III. von Schwaben mit der Pfalzgrafenwürde. Dieſer verlegte ſeine Reſidenz von Aachen nach Heidelberg, wo ſie bis 1720 blieb. Die Pfalz aber erweiterte ſich zu einem mächtigen Staatsweſen, das die nördlichen Teile von Baden, die baieriſche Rheinpfalz, Teile von Elſaß, von Rheinpreußen und Rheinheſſen(Alzey, Oppeuheim, Frankenthal), die Bergſtraße(Bensheim), Teile des Odenwalds(Lindenfels, Umſtadt, Otzberg) und von Württemberg umfaßte. Nach Konrad wurde ſein Schwiegerſohn Heinrich von Braunſchweig, Sohn Heinrichs des Löwen, Pfalzgraf. Als dieſer ſich aber für ſeinen Bruder Otto IV., der zum Gegenkönig gegen Friedrich II. gewählt worden war, erklärte, wurde Herzog Ludwig von Baiern Pfalzgraf. Durch Vermählung ſeines Sohnes Otto mit einer Tochter des geächteten Heinrich brachte dieſer die Pfalz dauernd an Baiern, und ſeine Nachkommen, die bis 1559 regierten, brachten das Land zu hoher Blüte. Der Bau des Schloſſes begann zu Ende des 13. Jahrhunderts durch Rudolf I. Ruprecht I. gründete 1386 die Univerſität Heidelberg, die ſich herrlich entfaltete und namentlich in der Reformationszeit ein Bollwerk des Proteſtantismus wurde. Ruprecht III. wurde an Stelle des ſchwachen Wenzel zum deutſchen Kaiſer erwählt. Von ihm rührt ein Teil des weſtlichen Schloßbaues her. Otto