in der Erziehung und dem Unterricht gehört und was meine Vorgänger in ſo hohem Grade beſaßen. Eins aber briuge ich mit, was mich mit Muth und Vertrauen erfüllt, weil es im Stande iſt, alle mir noch mangeluden Eigenſchaften reichlich zu erſetzen. Dies Eine iſt die reinſte Liebe zu meinem Berufe, die Liebe, welche auch dem geiſtig und ſittlich ſchwächeren Schüler nachgeht und nicht müde wird, bis ſie ihn auf den rechten Pfad geführt hat; die Liebe, welche bei Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten Geduld und Ausdauer gibt und Mühe und Arbeit gering achtet; die Liebe, welche ſicheren Schrittes dem einmal als richtig erkannten Ziele zuſchreitet im Vertrauen auf den ſegnenden Beiſtand Gottes, der nie ſeinen Segen einem Wirken in der Liebe verſagt. Dieſe Liebe zu meinem Berufe wird mich auch bei den mir noch fehlenden Eigenſchaften unterſtützen und mich befähigen, nach und nach alle Pflichten und Anforderungen, auch die ſchwierigſten, zu erfüllen. Dazu kommt weiter, daß auch verſchiedene glückliche Umſtände ſich vereinigen, mir mein Amt zu erleichtern, daß ich endlich auch auf die freundliche Unterſtützung und den erfolgreichen Beiſtand von verſchiedener Seite ſicher rechnen darf. Vor Allem finde ich es von hoher Bedeutung, daß ich nicht fremd in dieſe Schule trete, ſondern vor zehn Jahren ſelbſt Lehrer an derſelben war und im Geiſte ihrer weiteren Entwickelung gefolgt bin. Hierdurch ſind mir ihre wichtigſten Einrichtungen bekannt, an dieſe darf ich nur anknüpfen, um auf bekannten Boden zu treten. Auch mehrere der Herren Lehrer ſind mir aus jeuer Zeit, wo ſie ſchon mit mir an dieſer Schule wirkten, bekannt, und ſeit vielen Jahren habe ich ſie hochſchätzen gelernt. Endlich iſt der Sinn der hieſigen Jugend, ihr Thun und Treiben, die gute und ſchlimme Richtung ihres Gemüthes mir noch wohl bekannt; ich kenne auch die hieſige Bevölkerung und ſo manches freundliche Entgegenkommen in dieſen Tagen hat mir gezeigt, daß mein früheres Wirken in dankbarer Erinnerung bei derſelben geblieben iſt. Dann aber wird mir mein Beruf durch die aufopfernde Thätigkeit tüchtiger Amtsvorgänger erleichtert, die mehr als 30 Jahre unter wechſelnden Verhältniſſen durch ihre Einſicht und Erfahrung, durch ihre Geſchicklichkeit und Tüchtigkeit, durch ihren Fleiß und ihre Ausdauer als Directoren nicht allein die Realſchule immer weiterer Entwickelung entgegenführten, ſondern auch als Lehrer und Erzieher den vorzüglichſten Einfluß auf die geiſtige und ſittliche Entwickelung ihrer Schüler hatten, die nun überall hin zerſtreut mit dankbarer Erinnerung an dieſe Schule und ihre Lehrer zurückdenken. Ueberall werden mir hier Spuren ihrer ſegensreichen Wirkſamkeit entgegentreten und mich mit ſtets wachſender Verehrung gegen dieſelben erfüllen. Was ſie mit pädagogiſchem Scharfblick an⸗ gelegt und bereits eutwickelt haben, das werde ich mit Sorgfalt aufnehmen, mich immer mehr vertiefen in die ihnen vorſchwebenden Motiven und nur nach ſorgfältiger Prüfung Abänderungen oder Neuerungen vor⸗ nehmen. Mit der freudigſten Zuverſicht darf ich ferner hoffen, daß unſer allergnädigſter Landesherr, der mit wahrhaft väterlicher Geſinnung das Emporblühen aller gemeinnützigen Anſtalten föordert, auch fernerhin unſerer. Schule Seinen Allergnädigſten Schutz zuwenden wird; daß unſer Erlauchtes Grafenhaus, deſſen Erlauchte Glieder von jeher der Entwickelung und Bildung der Jugend Ihre wohlwollende Sorge zuwendeten und ſich um die Gründung und das Emporblühen hieſiger Realſchule große Verdienſte erworben und hierdurch ſtets ein leuchtendes, nachahmungswürdiges Beiſpiel gegeben haben, dieſe erhabene Geſinnung auch fernerhin gegen unſere Schule an den Tag legen wird. Auch unſere höchſten und hohen Behörden, die für das Gedeihen unſeres Schulweſens überhaupt ſorgen, und die insbeſondere die Wichtigkeit unſerer Realſchule für dieſen Landestheil wohl erkannt haben und mit großer Fürſorge ſtets für dieſelbe bedacht waren, werden auch ferner⸗ hin dieſelbe im Auge behalten und alle Hinderniſſe, die dem weiteren Aufblühen derſelben im Wege ſtehen könnten, mit Sorgfalt und Umſicht wegräumen. Ich hege ferner die zuverſichtliche Hoffnung, daß unſer löblicher Gemeinderath wie ſeither uns ſeinen Beiſtand gewähren wird bei der Fortentwickelung unſerer Schule mit Rückſicht auf die nahe liegende Wahrnehmung, daß damit auch den materiellen Intereſſen wohl gedient wird, wenn man die geiſtigen durch die Schulen fördert. Die geiſtigen und ſittlichen Errungenſchaften durch⸗ dringen das Leben und führen es ſelbſt höherer Entwickelung entgegen, ſodaß neben größerer geiſtigen und ſittlichen Bildung auch größerer Wohlſtand erblüht. Iſt nicht das Emporblühen unſeres Odenwaldes in in⸗ duſtriell⸗merkantiler Richtung ſeit 30. Jahren, iſt nicht das erfolgreiche Wirken ſo vieler Kinder des Oden⸗ waldes im In⸗ und Auslande ein Beweis für die Richtigkeit meiner Behauptung? Wenn ſie heute alle, die in der Nähe und Ferne an die liebliche Stätte ihrer Jugend zurückdenken, wo ſie die Grundlagen ihrer Kenntuiſſe und ihrer Bildung legten, wo ſie ſich Grundſätze aneigueten, die ſie hinaus in das wogende Leben begleiteten und ihnen Führer wurden auf den unſicheren Pfaden, wo ſie den Anker des Glaubens tief in ihre Seele warfen, ſodaß nicht die Stürme des Lebens ſie Schiffbruch leiden ließen, weun ſie heute alle hier ſtünden— mit welch inniger Dankbarkeit würden ſie auf ihre Lehrer und auf die Väter der Stadt blicken, die der Schule förderlich geweſen ſind. Das ſicherſte Kapital, das man ſeinen Kindern, das man dem künftigen Geſchlechte übermachen kann, das bewahrt iſt vor den Händen der Diebe und der Zerſtörung durch die Motten, das ſind Kenntniſſe und Fertigkeiten, das iſt ein ſtiller zufriedener Sinn in einem gläubigen frommen Gemüthe. Und dieſer Kapitalſtock wird allmählich in einer guten Schule der Jugend angelegt und darum bringt eine ſolche
Jahrgang
1866
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten


