22
Prodocet hacc recinunt juvenes dictata senesque Laevo suspensi loculos tabulamque lacerto. Hor. Ep. I.
Bei ſo traurigen Erſcheinungen ſollte der Lehrer ſich beſtreben, durch ſein eigenes beſcheidenes und an⸗ ſpruchloſes Leben und Wirken im ſtillen Kreiſe ſeines Berufes dem Schüler ein Beiſpiel zu geben, er ſollte da⸗ durch auf die Quelle alles wahren Glückes und aller Zufriedenheit hinweiſen. Grade wir Lehrer an der Realſchule haben dazu noch eine weitere Veranlaſſung. Die Gegner der Realſchulen nämlich möchten uns als die Urheber dieſer ſittlichen Verirrungen bezeichnen, indem ſie ſich etwa ſo vernehmen laſſen: Euer Unterricht kann nur oberflächlich bilden, da ihr in mehreren Fächern nicht zu den Quellen zurückſteigen könnt, ihr pflanzet dadurch der Jugend die Sucht ein, über Alles abzuurtheilen, was ſie doch nicht vollſtändig kennt, und dieſe Sucht wird ſich ſpäter überall geltend machen. Euere Unterrichtsfächer ſind ferner meiſtens auf die äußere Welt, auf die Naturerzeugniſſe und die an denſelben auftretenden Naturerſcheinungen, auf Raum, Maß und Zahl hingerichtet, alſo auf Dinge, die außer dem Menſchen liegen, die ihn ſich ſelbſt entfremden, ihr dient ſomit dem Materialismus. Was werden wir auf ſo ſchwere Beſchuldigungen antworten? Es iſt wahr, wir können in verſchiedenen Unterrichtsgegenſtänden vermöge der uns geſtellten eigenthümlichen Aufgabe nicht zu den Quellen zurückſteigen, z. B. in der Geſchichte, in den Naturwiſſenſchaften, in der Mathematik, wir müſſen uns begnügen, die Reſultate der Forſchungen Anderer anzugeben. Wenn wir aber hierbei ſelbſt mit der größten Beſcheidenheit über anerkannte Autoritäten und vorzügliche Leiſtungen urtheilen; wenn wir uns beſcheiden, alle unſere Unter⸗ richtsſtoffe zur harmoniſchen Entwicklung aller Kräfte des Menſchen auszunutzen und durch die Mittheilung des rechten Maßes von Kenntniſſen und Fertigkeiten unſere Schüler befähigen, in die praktiſchen Berufsarten unſerer Zeit einzugreifen; wenn wir dabei ſtets darauf hinweiſen, daß wir nur die ſichere Grundlage geben wollten und auf einen Ausbau durch höhere Schulen, durch praktiſche Uebungen und Erfahrungen rechnen, ſo wird uns jener erſte Vorwurf nicht treffen. Es iſt ferner wahr, daß mehrere unſerer Unterrichtsfächer den Sinn der Jugend auf die richtige Erfaſſung der Außenwelt und ihrer Erſcheinungen hinrichten. Allein abge⸗ ſehen davon, daß andere Unterrichtsfächer der Realſchule gerade die innere Welt des Geiſtes und des Gemüthes erſchließen, will uns bedünken, daß die rechte Betrachtung der Außenwelt anf das Innere des Menſchen zurück⸗ wirkt und Kräfte des menſchlichen Geiſtes und Herzens weckt, die ein einſeitiger Humanismus nimmermehr ahnt, geſchweige zu bilden vermag. Der wahre Humanismus löst den Menſchen nicht ab von der Außenwelt, ſondern bringt ihn nur in das rechte Verhältniß zu derſelben. Wir werden daher unſere Schüler recht genau mit den Naturerzeugniſſen und den an ihnen auftretenden Erſcheinungen bekannt machen, wir werden ſie lehren, nach Maß und Gewicht urtheilen, wir werden ſie vertraut machen mit den wichtigſten Geſetzen der Erſchei⸗ nungen; wir werden aber nicht vergeſſen, daß wir Menſchen zu bilden haben, vorerſt geiſtige Weſen, wir werden alle unſere Lehrſtoffe zur Entwickelung der geiſtigen Anlagen benutzen; wir werden nicht vergeſſen, daß wir Menſchen zu bilden haben, ſittliche Weſen, wir werden ihnen die Ueberordnung des menſchlichen Geiſtes und der menſchlichen Seele über das Materielle, über das Irdiſche und Vergängliche zeigen, und ſie dadurch be⸗ fähigen, nicht allein in alle praktiſchen Berufsarten mit Erfolg einzugreifen, ſondern dabei auch ihrer höheren Beſtimmung als Menſchen, als Chriſten eingedenk zu bleiben. Zu dem Allem bedarf der Lehrer viel Geduld, Liebe und Ausdaner, er muß auch oft genug den Kampf aufnehmen mit all den Mächten der Finſterniß, die neben den guten Anlagen auch in der Seele des Kindes ſchlummern, er muß durch ſein perſönliches Auftreten, durch ſeine ganze Lebensführung zeigen, daß er ſelbſt die Wichtigkeit ſeiner Forderungen erkannt und zur Richt⸗ ſchnur ſeines Lebens gewählt hat. Die weltgeſchichtliche Bedeutung des Chriſtenthums, ſeine überwältigende, beſeligende Macht liegt weniger in der Lehre, als in dem perſönlichen Auftreten des göttlichen Erlöſers, in ſei⸗ nem Leben voll Liebe und Erbarmung und in ſeinem Erlöſungstode. Einen Strahl dieſer göttlichen, erbarmen⸗ den Liebe, die nicht will, daß der Sünder verloren werde, ſondern daß Alle zur Erkenntniß der Wahrheit kommen, bedarf auch der Lehrer in ſeinem ſchwierigen Berufe, dieſer Liebesſtrahl muß ihn mächtig durchglühen, ihm Geduld und Ausdauer mit in den Kampf geben und ſich in ſeinem Verhalten, Leben und Wirken aus⸗ ſprechen.
Außer dieſen Pflichten und Anforderungen, die ich von vornherein als die wichtigſten meines Berufes anſehe, birgt derſelbe noch ſo viele andere in ſich, daß ich im Hinblick auf meine Kräfte faſt zaghaft und vor der Größe der mir geſtellten Aufgabe ängſtlich werden könnte. Wenn ich auch durch mein ſeitheriges Wirken an verſchiedenen Schulen in Wort und Beiſpiel gezeigt habe, daß die Entwickelung der Realſchule zu dem Ziele, das ihre Aufgabe klar vorzeichnet, daß die Bildung und Erziehung der mir anvertrauten Jugend mir am Herzen liegt, daß ich mein Amt ſtets als ein von Gott mir anvertrautes Pfund betrachte, von deſſen Verwal⸗ tung ich dereinſt werde Rechenſchaft ablegen müſſen, ſo könnte doch die Mannigfaltigkeit, die Schwierigkeit und die Vielgeſtaltigkeit der Pflichten dieſes Berufes mir Bedenken auf das Gelingen einflößen, zumal ich nur zu wohl fühle, daß mir noch gar Manches abgeht, was zur ſicheren Leitung einer Schule und zur erfolgreichen Wirkſamkeit


