Jahrgang 
1866
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ſchreitende Entwickelung und Ausdehnung der Schule als geſund und fruchtbar erwieſen haben, wird man entſchieden feſt⸗ halten und alle voreiligen Abänderungen und Neuerungen fern halten müſſen, ohne zeitgemäßen Forderungen rückſichts⸗ los entgegenzutreten. Man wird vor Allem der Schule ihren idealen Character durch eine gründliche Behandlung der ethiſchen Fächer erhalten müſſen, namentlich den Forderungen gegenüber, welche ſich auch hier ſchon geltend machen und die Schule zu einer bloßen Nützlichkeitsanſtalt herabwürdigen wollten, in der man fertige Recepte für das Leben und die verſchiedenen Berufsarten verkaufte. Gegen dieſe Forderungen tritt ſchon das Programm der Schule aus dem Jahr 1836 auf, indem darin die ideale Richtung der Schule hervorgehoben wird, welche ſie nie außer Acht laſſen dürfe. Man wird andererſeits aber auch in der Schule den ſtets wachſenden Bedürfniſſen des prakti⸗ ſchen Lebens durch geeignete Berückſichtigung der Realien namentlich Rechnung tragen müſſen, inſofern dadurch nicht der geiſtigen und ſittlichen Entwickelung Eintrag geſchieht. Man wird endlich auch lokalen Verhältniſſen entſprechen müſſen, wenn ſie nicht mit den Hauptzwecken der Realſchule im Widerſpruch ſtehen. Es iſt gerade ein Hauptverdienſt meiner Herren Amtsvorgänger, daß ſie es verſtanden, dieſe in der Aufgabe der hieſigen Schule liegenden Forderungen ſo weiſe zu berückſichtigen, daß weder der Entwickelung der Schüler noch der Schule hieraus ein Nachtheil entſtand. Mit der ſtets wachſenden Bedeutung des Mümlingthals in merkantiler und induſtrieller Beziehung wird ſich das Bedürfniß nach einer ſtets umfaſſenderen Begründung und Ausbil⸗ dung in den neueren Sprachen und in den Realien geltend machen, und hierdurch eine Vereinigung dieſer ver⸗ ſchiedenen, in der Aufgabe der hieſigen Schule liegenden Richtungen mehr und mehr bei knapp zugemeſſener Lehrerzahl erſchwert werden. Werde ich dann ſtets für unſere Schule den Character einer allgemeinen Bil⸗ dungsanſtalt für die Bedürfniſſe der modernen Zeit feſthalten, alle fachlichen Richtungen aufgeben und die Be⸗ friedigung jedes gerechten lokalen Bedürfniſſes ſo mit der Hauptaufgabe zu verknüpfen wiſſen, daß der fort⸗ ſchreitenden Entwickelung der Schule hieraus kein Hemmniß entſteht?

Als Lehrer und Erzieher habe ich nicht allein die Aufgabe, die geiſtige und ſittliche Entwickelung der mir anvertrauten Jugend zu fördern, ihren Geiſt mit nützlichen Kenntniſſen zu bereichern, ihr Herz zu veredeln, ihren Willen zum Kampf mit der Sorge des Lebens zu ſtählen, ich ſoll auch durch meine ganze Perſönlichkeit und Lebensführung ihnen ein Beiſpiel ſein, zu dem ſie aufblicken können. Mehr als durch ſein Wort wirkt der Lehrer durch ſein Beiſpiel. Erlauben Sie mir, bei dieſer perſönlichen Einwirkung des Lehrers, die ich als die wich⸗ tigſte Seite des Lehrerberufs bezeichne, etwas ſtehen zu bleiben. Das reichſte Maß des Wiſſens, die größte Fertigkeit in den Kunſtgriffen der Methode ſichert dem Lehrer noch keine erfolgreiche Wirkſamkeit, wenn er nicht durch ſeine Perſönlichkeit, durch ſeine ganze Lebensführung eine nachhaltige ſittliche Wirkung auf ſeinen Schüler hervorbringen kann. Wenn er auch im Stande wäre, durch ſeine Kenntniſſe, durch ſeine Erfahrung und ſeinen ſicheren Tact während der Schulzeit ſich die äußere Achtung des Schülers zu erhalten, ſo hat er doch keinen Einfluß über die Schule hinaus in das Leben des Schülers, für das doch eigentlich alle wahre Lehrerthätigkeit berechnet ſein ſoll. Non scholae sed vitae discimus. Sen. Ep. 106. Der Schüler merkt es mit der dem Kinde eigenen Feinfühligkeit heraus, wie der Lehrer in ſeinem Tiefinnerſten zu ſeinem Beruf ſteht, wenn Wort und That, wenn Lehre und Beiſpiel nicht congruiren, und eine reiche, nachhaltige Einwirkung für das Leben geht verloren. Grade bei dem Lehrer ſollte dieſe Uebereinſtimmung gefunden werden, da ſie heut zu Tage im Leben ſo ſelten dem heranwachſenden Geſchlecht entgegentritt, ſo daß es nur zu leicht den Verirrungen unſerer Zeit zum Opfer fällt. Man hört ſo häufig aus dem Munde der Eltern und Lehrer die Klage, daß ſelbſt beſſere Schüler nach ihrem Austritt aus der Schule völlig umſchlagen, geiſtig und ſittlich zurückgehen und wohl gar gänzlich verkommen. Die Hauptſchuld mag allerdings an dem ſchlechten Beiſpiel, das Erwachſene der Jugend geben, liegen; allein auch der Lehrer trägt einen Theil der Schuld, wenn er nicht durch ſeine Perſön⸗ lichkeit, durch ſein Leben den ganzen Meuſchen erfaßte und ihn ſo umgeſtaltete und im Guten befeſtigte, daß die Verführung machtlos bleiben mußte. Namentlich zwei Verirrungen unſerer Zeit, welche das Lebeusglück vieler Familien zerſtört haben und bereits ihren ſchädlichen Einfluß auch im öffentlichen Leben namentlich in volk⸗ und gewerbreichen Orten äußern, ſollte der Lehrer durch Wort und Beiſpiel mit der größten Entſchieden⸗ heit entgegentreten. Sie entſpringen beide aus dem Grundübel der verderbten menſchlichen Natur, aus der Selbſtſucht, und äußern ſich als Unbeſcheidenheit und Genußſucht. Ueber die wichtigſten Intereſſen und Ange⸗ legenheiten der menſchlichen Geſellſchaft, über Kirche und Staat, über Schule und Wiſſenſchaft hört man von Leuten aburtheilen, die weder Beruf noch Erfahrung dazu haben; man ſieht eine noch unreife Jugend ſich den rauſchendſten und üppigſten Vergnügen hingeben, als ob darin die höchſten Ziele des Lebens gefunden würden; ſie ahmt darin die unvernünftige Menge nach, die mit Haſt dem Erwerb nacheilt, um ihn ebenſo ſchnell im Strudel der Genüſſe zu vergeuden; ſchnell reich werden iſt da die Loſung des Tages, ſo daß man mit dem großen Römer rufen möchte:

O cives, cives, quaerenda pecunia primum est Virtus post nummos! Haec Janus summus ab imo