Jahrgang 
1915
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Romanen oder Slaven gegenüber ſchwer büßen mußte. Diesmal iſt es unſern Feinden nicht gelungen, uns die Kappe über das Geſicht zu zieben, frübzeitig genug haben wir, durch Schaden klug geworden, ibre Falſchheit und Liſt er⸗ kannt und den erſten Schlag geführt. Aber bis zum Tage der Mobilmachung, ja noch über ihn binaus, wollte niemand ſo recht an den Krieg glauben. Wobl hatten wir uns für den Krieg gerüftet, und dieſe Rüſtungen ließen Schreckliches ahnen für den Fall, daß der Krieg losbrach. Hber man täuſchte ſich über den furchtbaren Ernſt dieſer Rüstungen mit den Worten der alten Römer: Si vis pacem, para bellum willst du den Frieden erhalten, ſo rüste für den Krieg. Einen mächtigen Feind fürchten die Gegner. Man fürchtet uns, man muß uns fürchten, dann behalten wir Rube. So ſagten wir uns vor und wollten die Gefahr nicht ſeben; ſo traf uns dieſer Schlag wohl vorbereitet und doch wieder unvorbereitet. Unſere Waffenrüstungen waren ſebr gut, ja beſſer, als wir alle ahnten, aber unſre Seelen waren ungerüstet. 43 Friedensjabre hatten unſer Gemüt weich werden lassen. Wohl bewunderten wir, was unſre Vorfahren ge⸗ leifſtet, und zollten ibnen den Dank. der ihnen gebührte, in reichem Maße; das batte die Jahrhundertfeier 1913 gezeigt, aber trotzdem zitterten viele vor dem Krieg, und die zaghafte Frage: was wird werden? mußte man nur zu oft bören. Und unberechtigt war dieſe Frage nicht. Konnte man doch in den letzten Friedensjahren vieles beobachten, was einem zweiteln ließ, ob der Geist noch in unſerm Volke lebendig wäre, der in den Befreiungskriegen in ihm le⸗ bendig war, der 1870⸗71 mit ihm nach Frankreich gezogen. Hatten sich doch in den letzten Jahren nicht wenige Zeichen der Entartung gezeigt, die tiefer Schauende bedenklich machten. Innere Unzufriedenheit weiter Kreiſe, die einem ungeſunden Egoismus entſprang, kleinliche Nörgelſucht, die die boben Ziele aus den Hugen verlor, immer Wweitere Kreiſe ergreifende Genußſucht, die kein Maß mehr zu kennen ſchien, das waren ſolche Zeichen der Entartung. Führende Geister batten ſie beizeiten erkannt und taten, was in ihrer Macht stand, die Gefahr zu bannen, aber nur zu oft fanden sie taube Ohren, wenn ſie predig ten, verſchlossene Herzen, wenn ſie um Hilfe warben, ja bämiſche Worte der Kritik, wenn ſie bhandelten. Denken Sie nur an die Jungdeutschlandbewegung, an die Pfadfinder, die Wandervögel, die Hrbeit in den Volksbildungsvereinen, an die Hrbeiten zur Erweckung des Heimatsinnes, und Sie müſſen mir recht⸗ geben. Gerade in den Kreiſen, die sich den Gebildeten zuzäblen, war man oft lau in ſeinen Empfindungen dieſen Bewegungen gegenüber, wenn man sie nicht ſogar vollständig ablehnte und ihren Führern womöglich noch unlautere Beweggründe unterſchob. Und weiter konnte einem bedenklich stimmen, Was man im politiſchen Leben erlebte. Das einer für den andern Steben, das einer den andern Ertragen hatten viele verlernt; die extremen Parteien batten den Zulauf wer vermitteln wollte, fand kein Gehör. Hier Großgrundbeſitz, bier Großbandel, bier Großindustrie, bier Hrbeiterſchaft, einer befebdete den andern, jeder dachte nur an sich und ſeinen Vorteil. Fast alle vergaßen, daß sie nur ein Rad im großen Staatsgetriebe ſeien, das nur dann ſeinen geregelten Gang gehen kann, wenn alle Räder richtig ineinander greifen. Nur zu oft wurde der Schrei nach Staatsbilfe laut, jeder forderte nur und wollte möglichst wenig geben. Und wie die politiſchen Gegenſätze verſchärften sich die kirchlichen auch wieder mebr und mebr. Wie oft zogen die Konfeſſionen Schranken, die fast unübersteigbar waren, zwiſchen Bürgern der gleichen Stadt, des gleichen Lan⸗ des. Man vergaß ganz, daß es sich bier doch nur um Formen der Gottesver- ehrung bandelte, Formen, in die man von Jugend auf hineingewachsen war. Man beſpöttelte, man verachtete die Gebräuche ſeiner Volksgenoſſen, und warum? weil man ſich nicht die Mühe gab, ſich in den Geiſt ihrer Gottesverebrung zu verſetzen, weil man glaubte, den echten Ring zu besitzen und nur zu gern ver⸗ gaß, daß vor nabezu anderthalb Jahrbhunderten unſer großer Leſſing schon ver-