Jahrgang 
1905
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Weckt dir Erinnerung nicht süsse Bilder Aus unbarmherzig strenger Winternacht, Die mit gesenktem Augenlid umdämmert Die Hünengräüber Deines rauhen Strandes? (ebda. S. 68.)

Oder:

Behaglichkeit, das Kätzchen schnurrt im Zimmer, Indessen draussen in der Winternacht,

Ein Abglanz von den Schilden Schlachterschlagner, Die fleissig in Walhall den Humpen schwingen, Die blassen Strahlenbündel eines Nordlichts

Am strengen Himmel Odins sich ergiessen,

Und auf der toten Heide bellt ein Fuchs.

(ebda.) tragen die Verheissung des Bleibenden in sich. Es sei noch anCincinnatus(Frei will ich sein!) Abschied und Rückkehr, Glückes genug,Goldammer,Auf einer grünen Wiese u. v. a. erinnert. Seine Kriegslyrik ist unerreicht(die L.andsknechtslieder sind zu kunstlos, um zum Ver- gleich herangezogen zu werden),Trutz blanke Hans ein Krondiamant der deutschen Balladen- dichtung.

Die kräftige, lebensstarke Poesie dieses feudalen Dichters überragt die zeitgenössische Pro- duktion bei weitem. Will man indessen noch andereNeutöner in eine Sammlung für die Schule aufnehmen, so müssen neben Falke und Dehmel, dessenAnno domini 1812 undDrohende Aussicht(Lebensblätter, S§. 88 u. S. 94) einer düster-grandiosen Wirkung nicht entbehren, unbe- dingt die feinen Lyriker Wallpach, Ernst und Weigand stehen. Arno Holz wird, wo er in den genannten Anthologien auftritt, mit nur dreien seiner GedichteEen Boot is noch buten,So einer war auch er,Ein Herz, das zersprungen angeführt. Das sind indessen Verse, die eben- sogut ein verbesserter Rittershaus, ein Siebel oder Busse geschrieben haben könnte. Man sollte doch lieber denHeroldsrufe(Buch der Zeit, S. 159 ff.) teilweise abdrucken, oder sein reizendes Nehnachesliec(a. a. O. S. 254), Teile aus demSamstagsidyll(ebda. S. 36), oderTagebuchblätter, Nr. 11:Der Sonne letzter Schein(a. a. O. S. 245), aufnehmen.

niait Holz auch keinen Vergleich mit Liliencron aus, so wollen wir es ihm, dem prachtvollen Rhetor der Jüngstdeutschen, doch nicht vergessen, dass er mit seiner manchmal wohl forzierten Sprache den Dahn, Wolff, Ebers, Bodenstedt, Rittershnaus und den Stabreimern kräftig an die Rippen fuhr und damit(auch für Keller legte er eine Lanze ein!) den Kunstwartleuten schätzens- werte Vorarbeit leistete.

Man soll also gerade bei der Moderne kritisch verfahren. Der Fehler unserer Lesebuch- kompilatoren lag auch weniger in der Nichtberücksichtigung dieser Kunst und wäre dann zu tragen gewesen, sondern darin, dass man die Nachklassik einfach als Epigonendichtung auffasste, dass man Goethe's lyrische Pairs vergass und mit seinem leiblichen Ende auch den durch ihn begonnenen literarischen Entwicklungsgang abschloss oder für abgeschlossen hielt, während der grosse Weimarer nur das leuchtendste Glied einer glänzenden Kette bildet.

Wesentlich ist, dass die eine Tatsache fester Bewusstseinsinhalt der Schüler wird: Das neunzehnte Jahrhundert ist das goldene Zeitalter der deutschen Lyrik.

Noch ist Goethe für die meisten Deutschen nur ein himmelanstrebender Berg, den sie zwar staunend betrachten, von dem sie aber als rechte Philister nur die Schlacken kennen. Noch war es möglich, dass die Hausmacherpoesie einer Ambrosius um die Jahrhundertwende in über vierzig Auflagen in das Land ging, während Mörike's Gedichte, die 1838 erschienen, erst jetzt zwanzig ganze Auflagen erreicht haben. Noch konnte vor kurzer Zeit auf einem Deutschen Schriftsteller- tage Nataly von Eschstruth-Knobelsdorff-Brenkenhof invita Minerva! die beliebteste deutsche Schriftstellerin genannt werden. Und doch gilt uns Wolfram's Tagverkünden:

Sine klawen durch die Wolken sint geslagen,

Er stiget úf mit grôzer kraft... als eine frohe Botschaft. Und doch geben uns die täglich mehr wachsende Kunstwartgemeinde, dieDeutsche Dichtergedächtnisstiftung, Frenssens Erfolg und manches andere Zeichen der Zeit