Jahrgang 
1905
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Und wenn ich sie, die mich verstiess, Nie wiedersehen werde, Mein letzt' Gebet und Wort bleibt dies: Gott schütz' die deutsche Erde! nicht geschrieben, darum klingt ein Vaterlandslied in Heine's Munde wie Lästerung.

Seine Stärke liegt übrigens im lyrisch-satyrischen Feuilleton; hier sind ihm die Spitzer, Speidel, Presber e tutti quanti verpflichtet. Ob diese Literaturgattung ein Segen ist?

Manche seiner Gedichte besitzen in der Tat eine sonst nicht wieder zu findende Stimmung. Wir sassen am Fischerhause; einzelneNordseebilder etc. Auch eine Reihe Balladen erreichen Lebensfähigkeit, obschon sie neben Uhland, Strachwitz, Fontane, Liliencron nicht bestehen können. So z. B.Die Grenadiere,Die Schlacht bei Hastings,Belsazar, welch' letzterer denn doch etwas ganz anderes ist als der von Legerlotz(Lorenz-Raydt, Leseb. für Untertertia S. 58.) Nur sollte darin Heines Sprachschnitzergefüllt bis am Rand nicht stehen bleiben wie bei Lyon, Puls und Scheel.

An der Dichtung der letzten zwanzig Jahre darf man nicht achtlos vorübergehn, wie das so oft geschehen ist. Die Regungen des modernen Lebens haben in ihr vielfach einen glücklichen und eigenartigen Ausdruck gefunden. Es ist kein Ton, dessen sie sich nicht zu bemächtigen gesucht hätte. Sie hat uns so tatsächlich Neues gebracht. Nur sollten wir auch hier das Bleibende zu erfassen suchen, soweit es für die Schule Gewinn verheisst.

Es ist darum ein Fehler, wenn man sich mit an sich sehr löblichem Eifer auf dieJüngsten stürzt und ihre Gedichtbände ausbeutet. Dabei neigt man leicht dazu, das Gute der älteren Meister zu vergessen und die neueren ganz bedenklich zu überschätzen.

Bierbaum, der Vater derStudentenbeichten, desStilpe, desIrrgartens der Liebe und anderer Sächelchenaus der Froschperspektive ist ein ganz inferiorer Schreiber, der auch nicht einen Versgedichtet hat, den unser Gedächtnis sich sofort und unvergesslich einprägt. Busse, Evers, Vanselow, Presber u. s. w. sind weiche Eklektiker und glatte Reimer, nichts weiter. Mom- bert, Scheerbart, Schur haben eigentlich nur pathologisches Interesse. Stephan, George und Genossen bringen lediglich Wortklingelei.

Wenn man Liliencron für die Schule nutzbar macht, so findet manBunte Beute genug. Das jetzt noch schaffende Geschlecht ist ja auf anderem Gebiete(Hauptmann, Sudermann etc.) reichlich zum Worte gekommen. Liliencron erscheint indessen als der Lyriker-Typus der letzten Jahrzehnte. Verse wie:

Die Heide ödet so leer und dumpf, Wie das Herz, das ein Freund betrog, Zum Himmel auf aus dem Hammer Sumpf Ein blutrot Wölklein zog. (Kampf und Spiele S. 53.) Oder: Von tausend Welten überdacht, Die ruhig weiter gehen, Es zog ein Stern um Mitternacht Und grüssend blieb er stehen. (Kämpfe und Ziele S. 110.) Oder Eratmend holt die Brust sich klare Ströme. Im starkbetauten Netze flickt die Spinne, Und hundert Lerchen, mit gespreizten Schwänzchen, Entschütteln ihren Flügeln Nacht und Reif, Der kecken Trillerkehlchen Tirili Dem frischen Wandrer um die Mütze schmetternd. (ebda. S. 119.) Oder: Wie lange willst du träumen, deutsche Frau, Von glutdurchdrängter Nacht des Romeo?