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der„kichernden Veilchen“ und der„mitleidigen Blumen“ des„traurigen, blassen Mannes“, mag sie sich auch noch über Geibel bis zu einem der jüngsten Eklektiker, Franz Evers, verirrt haben,
darf als veraltete Mode gelten. Die literarische Halbbildung— man kann da Wunderdinge bei „Gebildeten“ hören!— redet zwar noch von Heine als dem„zweitgrössten deutschen Lyriker“
und plappert das wie so manches nach, was dem verehrlichen Publikum unermüdlich vorgesprochen wurde. Ob sein lyrisches Gut höher zu bewerten sei als das Eichendorff's, wie Bartels in seiner Literaturgeschichte meint, ist doch sehr die Frage. Jedenfalls haben die Droste nnd Hölderlin „tausend Schritt' voraus“, Mörike selbst ist nur mit Goethe zu vergleichen. Das Unwahrhaftige der meisten subjektiven Gedichte Heine's, seine oft hässliche Erotik neben dem Hasse gegen Deutschland(Guizot!) machen ihn an sich schon unbrauchbar für die Schule.
Deshalb ist es eigentümlich, wenn sich in einigen Sammlungen(auch bei Lehmann) Teile aus seinen Gedichten und dem doch im ganzen schmutzigen„Wintermärchen“ abgedruckt finden. Dieses„Deutschland“ ist das„Hohe Lied“ der Sozialdemokratie geworden,*) und die Vaterlands- liebe, die hie und da durchschimmert, ist nur gemacht. Dass Heine das Land, in dem er geboren wurde, hasste, ist von ihm mit erfreulicher Deutlichkeit in Poesie und Prosa oft genug ausge- sprochen worden, ist auch selbstverständlich und menschlich begreiflich. Für ihn hatte Dingel- stedt die Worte in den„Flüchtlingen“:
„Das wolle Gott im Himmel nicht, Dass solches je geschehe!
Nein, wer mit deutscher Zunge spricht, Ruft Deutschland niemals Wehe!
*) Das bestätigt Pfannkuche in seiner Schrift„Was liest der deutsche Arbeiter’?“, wo festgestellt ist, dass Heine fast ebensoviel unter den Arbeitern gelesen wird wie Goethe und Schiller zusammen. Arbeiter,
die Heine verehren, sind Sozialdemokraten.„Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen!' (Wintermärchen, Caput 1) rief einstmals Bebel von der Tribüne des Reichstages aus.— Dass jedoch Goethe und
Schiller, wenn auch nur vereint, Heine den Platz in der Lektüre des literarisch interessierten Arbeiters streitig machen, ist ein immerhin beachtenswertes Zeichen.
Wenn in einem Aufsatze der„Kölnischen Zeitung“(vgl. die Abhandlung von Herold„Was lesen unsere Schüler?“ im Novemberheft(1904) der„Monatsschrift für höhere Schulen“, S. 588, Anmerkung) gesagt wird, „dass Heine auch noch heutzutage den gewaltigsten Leserkreis habe“, so beweist das, selbst wenn es wahr sein sollte, nichts für Heine.
Wer den Instinkten der Masse schmeichelt, darf allezeit auf dankbare Hörer zählen, und dass der Materialismus und die Sinnfälligkeit der Heine'schen Manier deren so viele fand, ist nicht weiter verwunderlich, sofern man die jahrzehntelange Reklamepauke von und für Heine bedenkt.
Der Geschmack der Vielzuvielen, seien sie nun gebildet oder ungebildet, ist sehr selten der rechte literarische Wertmesser gewesen. und ein Dichter der„Masse“ zu sein, dürfte keinem grossen Poeten als Vorzug gelten. Dass die auf der Höhe der Kunstanschauung stehende Kritik über Heine hinaus ist, erleidet keinen Widerspruch. Auch Geibel ist überwunden. Auch dass diese beiden einst alles beherrschenden Gegenfüssler nie wieder zu der früheren Geltung kommen können, darüber ist heute für jeden, der sehen kann und will, klare Bahn geschaffen. Wir müssten denn unser höchstes lyrisches Gut dreimal verleugnen. 4
Herold schreibt in seinem genannten Artikel:„Dass Otto Julius Bierbaum nicht vertreten ist(d. h. in dem. was die Schüler lesen), überrascht mich, denn er wurde in den letzten Jahren am meisten gelesen. brachte es doch sein Irrgarten der Liebe“ in vier Jahren zum 32. Tausend; aber dass Heine, unser populärster Lyriker, zu den Toten gehören soll erscheint mir geradezu unerklärlich(z?!). Wir haben ihn als Primaner mit Haut und Haaren verschlungen.“
Zunächst ist Bierbaum(vgl. auch weiter unten!) überhaupt kein Lyriker, sondern ein, bei Lichte besehen, höchst gabenarmer Ueberbrettl-Erotiker, der seine„Tausende“ wie Clara Viebig und Heinz Tovote im ganzem dem dekadenten Geschmack des Berliner Tiergartenviertels verdankt. Und es ist ausserordentlich gut, dass Bierbaum, Hartleben und Genossen aus Primaner- und anderen Händen bleiben.
Fernerhin ist es nicht unerklärlich, sondern höcht erfreulich, dass Heine sich für das lernende Geschlecht überlebt hat. Es müsste schlecht bestellt sein um Bismarck's Erbe, wenn heute der Verherrlicher „französisch heitren Tageslichts“ werdenden Geistern ein lyrischer Mentor sein sollte.
Und drittens: Einen„populären“ Lyriker gibt es überhaupt nicht, höchstens populäre Gedichte. Das Volk selbst singt Seine Lieder, ohne ihren Verfasser zu kennen oder kennen zu wollen. Ist die„Loreley“ aber vor allen anderen„populär“? Uns will bedünken, dass„Im Krug zum grünen Kranze“,„In einem kühlen Grunde““. „Sah ein Knab'“, ja sogar„Keinen Tropfen im Becher mehr“ mindestens gleich volkstümlich sind, und dass Am Brunnen vor dem Tore“ alle an Beliebtheit übertrifft. In später Fidulität, und wenn der flinke Dampfer mit lustiger Gesellschaft bei St. Goar vorübergleitet, wird der gute Deutsche sonderbar sentimental. und dann klagt er:„Ich weiss nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin“——


