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spezifischer Lyrik gebildet, so ist dem entgegenzuhalten, dass die besten Lieder Walters, Neid- hards, die Carmina burana, das Volkslied trotz oder besser durch Goethe uns heute noch und wohl für immer kostbar und unvergänglich sind. Dort haben wir warme, schlagende Herzen, bei Klopstock Wortschwall und„ewige Seraphstimmung“. Wer nähme ihn heute zur Hand, etwa wie der Grossvater in den„Phantasien im Bremer Ratskeller“ seinen geliebten Horaz, um zu geniessen und zum Genusse zu kommen?
Die„Frühen Gräber“ gelten gemeinhin als die Krone seiner Lyrik. Und doch, was bedeutet seine Lenzschilderung neben dem„Frühlingslied“ des einzigen„Wandsbecker Boten“?**) Die Literaturgeschichte weist ihm einen Platz an, den er nicht verdient, und den sie Grösseren lange beharrlich verweigert hat.
Dass Schiller kein Lyriker war, braucht hier nicht wiederholt zu werden. Als Dramatiker kommt er ja in der Schule völlig zu seinem Recht, sonst müssten die kecken Worte des„Holkischen Jägers“, die männlichen des„Ersten Kürassiers“ und die„Kapuzinerpredigt“ aus dem„Lager“ in die Sammlung. Die„Glocke“ bedeutet eine Welt für sich und darf natürlich nicht fehlen. Von den sonstigen Gedichten genügen:„Das eleusische Fest“,„Der Handschuh“,„Das Siegesfest“, „Pegasus im Joche“,„Berglied“,„Nimmer, das glaubt mir“,„Lied der barmherzigen Brüder“ aus„Tell“; Distichen. Seine eigenartige Gedankenpoesie wird als philosophische Propädeutik in Prima behandelt. Seinen Balladenehrenplatz, den ihm Lesebuch auf Lesebuch getreu bewahrt hat, muss er abtreten, vor allem an Uhland, den deutschen Balladensänger par excellence, dann an Strachwitz, Fontane, Liliencron. Dass der tönende Fall Schiller'scher Verse(neben ihrer Bekannt- heit) Parodien geradezu herausfordert, ist erwiesen. Auch gehen die Rauschebartstrophen ganz anders an ein deutshes Knabenherz, als etwa die„Bürgschaft“ oder der„Ring des Polykrates“. Man wird nicht warm beim Lesen Schiller'’scher Balladen.
Heine steht heute halb im Schatten. Er ist sogar teilweise merkwürdig antiquiert(ver- gleiche dagegen den viel älteren Claudius!), sein lyrischer Einfluss ist überwunden. Die Poesie
*) Klopstock: Des Maies Erwachen ist nur Schöner noch als die Sommernacht, Wenn ihm Tau, hell wie Licht, aus der Locke träuft Und zu den Hügeln herauf rötlich er kömmt.
Niemand wird bestreiten wollen, dass diese Strophe schön sei, und die Klopstockverteidiger wissen nur zu gut, warum sie die„Frühen Gräber“ und vielleicht die„Sommernacht“ als Paradestücke in den Vordergrund der Diskussion stellen..
Und doch mutet uns der„stilisierte“ Frühling Klopstock'’s(vgl. auch„Der Züricher See“ und die vielge- rühmte„Frühlingsfeier“!) sofort fremdartig an. wenn wir an Goethe(„Mailied“), Uhland(„Frühlingsglauber. „O sanfter, süsser Hauch“). Eichendorff(„Frühlingsnacht“ und viele andere), Mörike(„Er ist's“) gedenken. Schon im Vergleich mit Bürger kommt K. nicht recht nach; er verblasst aber neben Claudius:
Der Frühling:
Heute will ich fröhlich, fröhlich sein. Denn er kommt mit seiner Freuden Schar Keine Weis' und keine Sitte hören. Henute aus der Morgenröte Hallen.
Will mich wälzen und für Freude schrein. Einen Blumenkranz um Brust und Haar Und der König soll mir das nicht wehren. Und auf seinen Schultern Nachtigallen.
Und sein Antlitz ist ihm rot und weiss. Und er träuft von Tau und Duft und Segen, Ha! Mein Thyrsus sei ein Knospenreis, Und so tauml' ich meinem Freund entgegen.
Das ist deutsche Daseinsfreude! Claudius jauchzt, Klopstock wimmert. Wo ist bei ihm eine Stimmung rein ausgegeben? Es scheint fast, als ob ein Hofmeister hinter dem Dichter stände, damit dieser nicht aus der „Form“ gerate.
Goethe nahm Jacobi's„Wie Feld und Au So blinkend im Tau“, da es ihm ganz„goethisch“ erschien, in seine gesammelten Gedichte auf. Ob wohl dem Dichter der„lispelnden“ Cidli das„Frühlingslied' des„Wands- beckers“ geistesverwandt erschienen wäre? Wir glauben es nicht. Und darum nicht, weil Claudius selber „goethisch“ war. Klopstock indessen keineswegs. Sein schwaches Lyrikertalent zerbrach auch noch an der Odenform, die erst ein Hölderlin bewältigen konnte. Schiller wird wiedererwachen, der„Versunkenen Glocken gleich, wenn die Sturmflut einhergeht. Was aber könnte den„Messias'-Geist wieder zum Leben entfachen? Freuen wir uns indessen unverdrossen an Claudius. Da ist ein lieblicher deutscher Talgrund, und„Da stehet von schönen Blumen Die ganze Wiese so voll..... 4


