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Neben der älteren und neueren spezifischen Lyrik hätten in besonderen Kapiteln Platz zu finden: Die Spruchdichtung(Freidank,[Spervogel], Logau,[Kästner] Bürger, Goethe, Rückert, Platen, Wilh. Müller, Nebbal) die Dialektpoesie(Holtei, Hebel, Usteri, Groth, Reuter, P. Geibel, Stieler, Kobell u. S. w), Volks- und Landsknechtslieder, vielleicht auch Meis ter- balladen(Bürger, Goethe, Strachwitz, Uhland, Fontane, Liliencron, Greif, Hopfen u. s. f.), ganz besonders aber die politische und soziale Dichtung, deren markanteste Zeugnisse viel zur Belebung des Geschichtsunterrichts beitragen können. Hier käme vor allen Dingen der Vogel- weider in Frage, als Vorläufer der Reformation und der Geibel des Mittelalters(ohne ihm diesen gleichstellen zu wollen!), dann Hutten und Fischart. Ferner gelangten da die Hofmann v. Fallers- leben, Herwegh, Dingelstedt, Freiligrath, Geibel, Heine zu ihrem Recht als IIlustratoren der be- wegten Zeitgeschichte. Von den„Jüngsten“ wären vielleicht Henckell, Holz, Mackay, Dehmel am Platze. Wie uns die Feudalepen der altfranzösischen oder altdeutschen Zeit gegenüber den starren Formeln der Urkunden und Rechtsbücher die ritterliche Gesellschaft in Bewegung zeigen, so schlägt aus der politischen Dichtung das Herz der Zeit lautvernehmlich heraus und redet vom Kampfe der Geister. Damit kommt Farbe in das Bild.
Wenn auch eigentlich die Schule nur Poeten ersten Ranges berücksichtigen sollte(wie sehr streben wir im fremdsprachlichen Unterricht danach!) so gibt es doch eine Reihe von Dichtern zweiten oder gar dritten Grades, die eine allgemein herrschende Stimmung sehr glücklich zum Ausdruck gebracht haben und darum bleiben. Ich meine hier Gerok mit„Des deutschen Knaben Tischgebet“, Bercht mit seiner prächtigen„Preussischen Heldenschau“ u. s. f.
Andere wieder tragen in ihrer Persönlichkeit so viele sittliche Momeute, dass die Schule nicht auf sie verzichten kann, so gering tiefergehende Betrachtung ihre künstlerische Fähigkeit einschätzen muss. Der kritischen Sichtung unserer„Dichterwälder“ mögen Hekatomben von Poetastern und kleinen Poeten zum Opfer fallen— vor Geibel müssen wir respektvoll Halt machen. Wir können und müssen die dichterische Herrenstellung Geibel's in den Lesebüchern und Sammlungen andern übertragen. Aber entbehren dürfen wir dieses reinen Mannes nicht. Er ist der Herold des neuen Reiches und der Seher vaterländischer Grösse. Auch werden Gedichte wie „Lied des Alten im Bart“,„Der Tod des Tiberius“,„Der Bildhauer Hadrians“ nie ihren Eindruck verfehlen.
Dasselbe gilt für Arndt und Körner.„Sind wir vereint zur guten Stunde“ wird nie ver- hallen,„Leier und Schwert“ dürfen nicht verklingen, die„Lützower Jagd“ mag in ihrem Reiter- attackentempo noch fernste Geschlechter begeistern!
Doch soll im poetischen Lesebuch der ästhetische Zweck überwiegen. Dem Prosateil bleibe es im ganzen vorbehalten, Bedeutung und Wirkung grosser Persönlichkeiten in künstlerisch unan- fechtbarer Darstellung zu beleuchten.
Das hat der Lesebuchmeister Masius vor allen verstanden. Leute wie Stein, Gneisenau, Nettelbeck, Goltz(„Ein Jugendleben“) u. s. w. werden stets nur die reinste Wirkung auf die Jugend ausüben können. In das Pro'alesebuch gehört ein solches Kernstück deutscher Prosa wie„Friesen“ von Jahn(Masius II., 1885, S. 289):„Friesen war ein aufblühender Mann in Jugendfülle und Jugendschöne, an Leib und Seele ohne Fehl, voll Unschuld und Weisheit, beredt wie ein Seber; eine Siegfriedsgestalt von grossen Gaben und Gnaden, den jung und alt gleich lieb hatte; ein Meister des Schwertes auf Hieb und Stoss, kurz, rasch, fest, fein, gewaltig und nicht zu ermüden, wenn seine Hand erst das Eisen fasste, ein kühner Schwimmer, dem kein deutscher Strom zu breit und zu reissend; ein reisiger Ritter, in allen Sätteln gerecht, ein Sinner in der Turnkunst, die ihm viel verdankt. Ihm ward nicht beschieden, ins freie Vaterland heimzukehren, an dem seine Seele hielt. Von welscher Tücke fiel er bei düstrer Winternacht durch Meuchel schuss in den Ardennen. Ihn hätte auch im Kampfe keines Sterblichen Klinge gefällt.“ U. s. w.
Auf Klopstock kann eine Gedichtsammlung ohne Bedenken Verzicht leisten und ihn ruhig den Literaturhistorikern überlassen, die sich ja auch mit den„Dramen“ des Herzogs Julius von Braunschweig beschäftigen müssen. Der Dichter des„Messias“ hat keine Fernwirkung mehr, wie doch z. B. Hölty oder der liebe Claudius. Seine Oden, auch die an Cidli, sind grossenteils ungeniess- bar, die an„Hermann und Thusnelda“ wirkt geradezu komisch. Das ist Retortenlyrik und viel mehr gedacht als empfunden. Seine Dichtung offenbart eine fremde Welt für uns, weil sie zu wenig Menschliches enthält. Wenn Bartels meint, wir hätten uns seit Goethe ein zu enges Ideal


