Indem man Handwerkspfuscher, die sich die poetische Gewerbefreiheit zunutze machten, unerbittlich verwirft und immer wieder auf die Grossmeister hinweist, wird der geistig freiere Schüler allmählich dahin kommen, den Künstler der„inneren Form“ von dem Virtuosen der „äusseren Form“, dem Eklektiker und Schönredner instinktiv zu unterscheiden.—
Dieses Ziel muss von Sexta bis Prima in systematischer Arbeit erstrebt werden. Ein Lesebuch von hergebrachtem Aufbau kann das nicht leisten. Prosa und Poesie stehen sich da hindernd im Wege. Beide müssen deshalb getrennt sein!(Diese Forderung wird auch von Wendt in Baumeister's Handbuch VII, 40 erhoben.) Das Poesielesebuch soll den Schüler auf seinem Lerngange begleiten. Das Prosalesebuch kann in mehrere, stufenmässig geordnete Teile zerfallen (vgl. unten S. 9), wobei das ästhetische Prinzip nicht durchaus massgebend zu sein braucht. Die Bedeutung und etwa notwendige Zusammensetzung einer umfassenden Anthologie für die Schule aufzuzeigen, ist Zweck dieser Arbeit. Eine solche Sammlung ermöglicht aber auch rein äusserlich das Wiederholen früher gelernter Gedichte(vgl. W9endt a. a. O.) und somit eine vertieftere Betrachtung auf verschiedenen Stufen.(Goethe's„Ein Blumenglöckchen“ in Sexta und Prima!)
Im Anschluss an die Forderungen der neuen preussischen Lehrpläne, oder auch um den Mangel eines poetischen Lesebuchs für die Oberklassen weniger fühlbar zu machen, sind in den letzten Jahren eine Reihe für die Schule bestimmter Gedichtsammlungen herausgekommen bezw. neu aufgelegt und erweitert worden.
Die Auswahl von Otto Lyon(Leipzig, Velhagen& Klasing 1900) bringt ausser Sprüchen Logau's, von Geibel und Gerok zusammen 21, von der Droste, Hölderlin, Mörike, Hebbel, Keller, Storm, Meyer, Fontane, Liliencron zusammen nur 35 Gedichte. Statt einzelner Geibel'scher Poemata sühen wir lieber mehr von Mosen oder Reinick, einem unserer besten und reinsten Lyriker, oder von Kopisch, dem geborenen Dichter für die Schule.
Auch liessen sich die beiden Schlegel, Tieck(trotz der„Mondbeglänzten Zaubernacht“!), R. Wagner, Woermann, Roquette, Baumbach, Bodenstedt, Dahn, auch Gerok(vgl. unten!) un- schwer vermissen.
Uhland ist bei L. mit 25 Gedichten vertreten. Das wäre ein Verdienst, wenn nicht Uhland schon längst als ein König unserer Lesebücher gegolten hätte. Leider beschränken ihm Schiller und besonders Geibel noch seinen Platz. Was bedeuten aber diese beiden neben Uhland? Es ist eine Wohltat, in ihm lesen zu dürfen:
Der Taillefer ritt vor allem Normannenheer
Auf einem hohen Pferde, mit Schwert und Speer; Er sang so herrlich, das klang über Hastingsfeld, Von Roland sang er und manchem frommen Held.
Und als das Rolandslied wie ein Sturm erscholl, Da wallete manch Panier, manch Herze schwoll, Da brannten Ritter und Mannen von hohem Mut: Der Taillefer sang und schürte das Feuer gut.
Dann sprengt er hinein und führte den ersten Stoss, Davon ein englischer Ritter zur Erde schoss; Dann schwang er das Schwert und führte den ersten Schlag, Davon ein englischer Ritter am Boden lag.
etc. etc.
Die treffliche Auswahl von Loewenberg(Leipzig, Voigtländer 1903) enthält eine lesens- werte Vorrede. Sie beginnt mit Droste-Hülshoff und gibt reiche Proben aus der Dichtung des vergangenen Jahrhunderts, bringt aber auch eine Reihe von Afterlyrikern, über die man besser zur Tagesordnung überginge. So den greulichen Bierbaum, Sudermann, M. G. Konrad, Loewen- berg selber.
Avenarius gehört zu den wenigen Blütenleseherausgebern, die so taktvoll sind— und dabei ist Avenarius keine geringe lyrische Kraft!— da zu schweigen, wo Goethe und seine grossen
Nachfahren zum Worte kommen. Nicht vertreten sind bei Loewenberg: Hölderlin, Uhland, Eichen- dorff, Chamisso, Joh. Georg Fischer, Greif.— Von Gilm fehlen„Die Nacht“,„Der alte Schütz


