— 6—
Auch in Lehmann's Lesebüchern(Leipzig, Freytag) finden sich Undichter, wenn auch gerade hier die weitgehende Berücksichtigung der lyrischen Klassiker(vgl. weiter unten!) rühmend hervor- gehoben werden soll.
Die neue Paldamus-Ausgabe(besorgt von Winneberger) erweist sich als stark von Loewenberg beeinflusst, was an sich kein Fehler ist, da Loewenberg eine treffliche Sammlung herausgegeben hat. Quellenstudium wäre allerdings eher am Platze, da L. keineswegs Vollstündiges bietet und bieten will. Die poetische Behandlung von„Siegfrieds Jugend“ ist uns durch Uhland teuer ge- worden. Tieck, den Winneberger mit einem gleichlautenden Gedichte anführt, kommt da nicht mit. Chamisso's„Familienfest“ erscheint so einfältig wie Trojan's„Hasensalat“.
In Ever's-Walz(Lesebuch 6. Teil, für Untersekunda, Leipzig, Teubner) befinden sich unter 100 Gedichten 58 vaterländische, darunter 45 aus den Befreiungskriegen, dabei eins von Goethe(I). Kleist ist weggelassen.
Von den übrigen 42 Gedichten entfallen auf Goethe 2, Schiller 6, Mörike 5, Storm 3, Liliencron 4, Hebbel, Holz, Dehmel je 1.
In dem Lesebuche von Scheel(Berlin, Mittler. Unterstufe Sexta-Quinta-Quarta; vgl. Geleit- wort dazu von Otto Lyon und Vorrede des Herausgebers) stehen neben Claudius, Mörike, Groth, Greif, Hülshoff, Meyer, Fontane, Storm auch Güll, Trojan, Blüthgen, Presber, Dahn, Wildenbruch!
Statt Chamisso wird uns Güll mit„Vom Bauern und Riesentöchterlein“ geboten; zwei Ge- dichte von Hebel werden in hochdeutscher Uebersetzung, dagegen Groth(„Lütt Matten“,„Abend- frieden“) in der Ursprache gebracht. Auch dürfte Fontane mit seinem„Wo Bismarck liegen soll“ vor allen, besonders aber einem so saftlosen Poem wie„Bismarcks Tod“ von Walter Busch den Vorrang beanspruchen.
Wie gesagt, ein neuer Geist weht in den Lesebüchern, die freilich, da in den Oberklassen zumeist auf ihren Gebrauch verzichtet wird, für die Lyrik nicht den nötigen Einfluss ausüben können. Auch machen sie von der den Meister beweisenden Beschränkung einen allzugeringen Gebrauch.
Die Auffassung, dass„der Lieder Kunst nicht nur an wenig stolze Namen gebannt“ sei, klingt sehr verheissungsreich, ist aber trotzdem falsch.
„Singe, wem Gesang gegeben!“ ist eine in deutschen Landen genugsam befolgte Dichter- mahnung, und wenn die Sperlinge auf der Dachrinne die Morgensonne jubelnd begrüssen, so wird ihnen niemand darüber böse sein. Aber weil ein nachgerade abgetretener Gemeinplatz fordert,
dass für die Schule das Beste gut genug sein soll, so muss auch die Lyrik als die zarteste Blüte unseres nationalen Geistes geachtet werden. Je mehr steigende Kultur die Ausdrucksfähigkeit auch in gebundener Rede verallgemeinert, um so grösser wird die Zahl schönredender Dichter- zwerge und Eklektiker werden. Solchen muss unter allen Umständen die Schule verschlossen bleiben.
Es kann aber auch nach Ausmerzung alles Minderwertigen nicht die Aufgabe der Schule sein, ein erschöpfendes Bild der wahren Lyrik zu geben. Sie soll anregen und Winke geben für die Weiterarbeit, soll zeigen, wo Schätze zu heben sind(Loewenberg).
Das Feinste und Tiefste der Lyrik ist auch dem besten Schüler verschlossen, und es bedeutet, darum„Kaviar für's Volk“, wenn Lehmann in seinem Lesebuch für Obertertia dem Schüler Mörike's„Septembermorgen“ vorsetzt:
Im Nebel ruhet noch die Welt, Noch träumen Wald und Wiesen; Bald siehst Du, wenn der Schleier fällt, Den blauen Himmel unverstellt, Herbstkräftig die gedämpfte Welt In warmem Golde fliessen.
Hier hat man ein Gedicht, dessen lyrischer Feingehalt auch dem Gourmet erst nach mehr- maligem Kosten völlig offenbar wird.
Dem Tertianer sind solche Stimmungen ein unbekanntes Land, den über Durchschnitt begabten Primaner dürften sie allerdings zum Natursehen anleiten.
Das stofflich Interessante in der Behandlung von Meistern poetischer Kunst muss in erster Linie für die Schule massgebend sein.


