All diese reiche Beute edelsten Künstlertums ging jahrelang für die Schule verloren. Noch die Anthologie von Puls(Gotha 1895), die auf„eigener Durchforschung der letzten 150 Jahre deutscher Dichtung beruht“, lässt ein Perserheer von Dichterlingen zu Worte kommen, enthält aber kaum etwas von Mörike, nichts von Liliencron, obschon dessen„Adjutantenritte“ bereits 1884 erschienen sind. Ja. Loewenberg berichtet in der Einleitung zu„Vom goldnen Ueberfluss“ über einen Mädchenschuldirektor, dessen Blütenlese den Anspruch macht,„in die neueste Lyrik einzu- führen, dabei aber keine Zeile von Hebbel, Mörike, Keller, Storm, Groth, Meyer, Liliencron bringt, indessen Baumbach, Ambrosius, Carmen Sylva berücksichtigt! Ist letztere immerhin noch ein Talent, so gibt es doch für die beiden anderen, um mit Bartels zu reden,„keine mildernden Umstände.“
Eine Generation püidagogischen Fabrikarbeitertums druckte der andern die unsäglich albernen Kinderlieder von Hey(den man neuerdings durch den etwas besseren Blüthgen und gar durch Dehmel(!)[Detta-Lieder] zu ersetzen sucht) oder Rückert's einfältiges„Männlein in der Gans“ nach. Dazu kam das ewige, aufdringliche Moralisieren(vgl. hier die geistvolle Abh. Hiecke's, mit der er den ersten Teil seines Lesebuchs eröffnet und sich gegen die unvermeidliche„Moral von der Geschicht’“ in unsern Lesefibeln wendet!) und die durch den Gebrauch geheiligte Einteilung „Gott, Natur, Vaterland“, als müssten diese drei nicht aus jedem guten Gedichte herausleuchten!
Der starke Glaube, aber schwache dichterische Gehalt der Verse eines Knapp, Spitta, Gerok schleppten sich von Lesebuch zu Lesebuch. Was brauchte auch der Schüler zu wissen, dass Mörike oder gar ganz Moderne wie Marie Janitschek und Liliencron Gedichte von einer tief- poetischen Religiosität geschrieben haben, die zwar nicht an Claudius'„Der Mond ist aufgegangen“ heranreichen, für die man aber Sturm, Spitta, Gerok u. s. w., auch Schwab mit seinen haus- backenen Legenden völlig preisgibt.
Auch die vaterländische Dichtung kam nicht aus der Misere heraus. Da bildeten immer die Arndt, Körner, Massmann, Schneckenburger, Hofmann, Geibel u. s. f. den eisernen Bestand.
Von des Grafen Strachwitz klirrenden Balladen, von Hopfen's wuchtiger„Sendlinger Bauern- schlacht“, von Hamerling(vgl. oben), Liliencron war selten oder nie etwas zu finden.
Daneben her gingen andere Geschmacksverirrungen. Dadelsen bemerkt gelegentlich:„Es Näre Sünde, an der edlen Einfalt, mit der diese echten Kenner(Grimm u. s. w.) der Jugend er- zühlen, herumbessern zu wollen.“ Und in der Tat! Welche Freude bringt dem Kinde der per- sönliche Erzähler, seien es nun die beiden Grimm, sei es Hebel oder Bechstein! Und doch er- lauben sich einige Herausgeber„nach Grimm“ u. S. f. zu erzählen, als küme es allein darauf an, stoffliches Interesse zu befriedigen. Wenn Hiecke, der neben Masius vor allen andern Lesebuch- herausgebern weitgehendes Verstündnis für die poetische Lektüre zeigt,„nach Hans Sachs“ pe- richtet, so ist das verständlich.
Lorenz-Raydt(vgl. unten!) wagen es, Mörike's„Turmhahn“ abzukürzen, mit merkwürdigem Geschick gerade da, wo das Gedicht am schönsten wird. Dafür beglückt Raydt den Schüler am Schlusse des Lesebuchs für Untertertia mit einem eigenen Opus, das besser nie geboren wäre.
Ein Herausgeber lüsst die Sextaner singen;„In ganz Europia, ihr Herren Zecher...“!, ein anderer setzt den Quintanern ein feuriges Liebeslied vor. In den älteren Auflagen eines weitver- breiteten Lesebuchs standen Gedichte und Sprüche zwischen Erzühlungen aus der Ilias, offenbar der Konzentration wegen, wie z. B.:„Ein voller Bauch studiert nicht gern“,(!)„Das Feuer im Walde“(!) von Hölty u. s. w.
Genug davon! Es ist ja neuerdings eine bemerkenswerte Besserung eingetreten, und das trüher vorherrschende Bedürfnis ödester Buchmacherei hat dem ernsten Streben Platz gemacht, einige Strahlen der Erkenntnis, dass die deutsche Literatur nicht mit dem seligen Brockes be- ginnt und am 22. März 1832 ihr Ende erreicht hat, in die Lesebücher fallen zu lassen.
Doch läuft dabei noch mancher„Dichter“ der Rittershausklasse mit. So erfreut uns die neueste Auflage von Kohts-Meyer-Schuster mit Träger’s Altweiberpoesie„Wenn Du noch eine Heimat hast“. Warum nicht lieber:„Wenn ich mich nach der Heimat sehn““,„Wenn die Schwalben heimwärts ziehn“,„Ich bin so gern, so gern daheim“? Platter sind die auch nicht, haben aber den Vorzug der Volkstümlichkeit.


