Jahrgang 
1905
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Gab uns nicht das Schicksal in Hölderlin den wunderbaren Meister deutscher Oden, mag Platen immerhin Klopstockder Ode ersten und sich den zweiten Preis zuschreiben? Wer kannte vor ihm solche Pracht der Sprache, die Schiller nie und Luther nur stellenweise in der Bibel- übersetzung erreicht hat? Wer schrieb vor diesem unglücklichen Poeten Verszeilen wie in Andenken?

Der Nordost weht, Noch denket das mir wohl, und wie

Der liebste unter den Winden Die breiten Wipfel neiget

Mir, weil er feurigen Geist Der Ulmwald über die Mühl',

Und gute Fahrt verheisst den Schiffern. Im Hofe aber wächst ein Feigenbaum,

Geh' aber nun und grüsse An Feiertagen gehn

Die schöne Garonne Diie braunen Frauen daselbst

Und die Gärten von Bordeaux, Auf seidnen Boden,

Dort, wo am schroffen Ufer Zur Märzenzeit,

Hingehet der Steg und in den Strom Wenn gleich sind Nacht und Tag,

Tief fällt der Bach, darüber aber Und über langsamen Stegen,

Hinschauet ein edel Paar Von goldnen Träumen schwer,

Von Eichen und Silberpappeln. Einwiegende Lüftn ziehn....... Sagte man nicht, Heine's freie Rythmen seien unvergleichlich? Leider vermissen wir

Andenken in jeder uns zu Gesicht gekommenen Sammlung. Hölderlin steigt immer höher.

Bartels stelltHyperions Schicksalslied neben Goethe'sGanymed. Oder gedenken wir an Mörike! Bedeutet er nicht etwas durchaus Eigenartiges?Zierlich ist des Vogels Tritt im Schnee,In ein freundliches Städtchen tret' ich ein,Du bist Orplid,

mein Land,Ein Stündlein wohl vor Tag,Frühling lässt sein blaues Band, wir könnten da wohl alle seine Gedichte aufzählen niemals ist etwas Lieblicheres in deutscher Sprache ge-

schrieben worden. Und vor demAlten Turmhahn müssen sich die Usteri, Hebel, Reuter, Raabe alle grüssend verneigen.

Nun gar die Droste! Wer sah wie sie in Gras und Ried? Unsere Sprache war zu arm, um der phänomenalen Dichterkraft der grossen Westfalin vollkommen Gestalt zu geben. Sicher ist es, dass kein deutscher Dichter über eine gleiche Bildergewalt verfügt, sicher ist es, dass die Schlacht im Loener Bruch uns ein mindestens ebenso farbenreiches Bild des dreissigjährigen Krieges, und sei es auch nur der Braunschweigepisode, gibt alsWallensteins Lager. Wenn man, wie es Consbruch und Klincksieck(vergl. weiter unten!) mit Recht getan, Teile dieses Epos anführt, so sollte man besser Stellen des zweiten Gesanges, eines Kabinettstückes feinster Milieu- schilderung, nehmen. Am liebsten wäre es wohl jedem Freund echter Kunst, wenn statt Grill- parzer oder gar Heyse(Kolberg), wie Wendt vorschlägt, Droste-Hülshoff mit ihrem kleinen Meistergedicht in den Schulen Eingang fände.

Wer könnte sie nennen die Helden alle? Aehnliches wäre zu sagen über Hebbel(dessen Nibelungen man zum Teile abdrucken sollte, anstatt wie Lorenz-Raydt(s. unten!) die Jordan'schen Sprachvergewaltigungen!) über Keller, Storm, Groth u. S. w.

K. F. Meyer'sDie toten Freunde erweist klassische Schönheit:

Das Boot stösst ab von den Buchten des Gestads.

Durch rollende Wellen dreht sich der Schwung des Rads.

Schwarz qualmt des Rohres Rauch..... Heut hab ich schlecht, Das heisst mit lauter jungem Volk gezecht.

Du, der gestürzt ist mit zerschossener Stirn,

Und du, verschwunden auf einer Gletscherfirn,

Und du, verlodert wie schwüler Blitzesschein,

Meine toten Freunde, saget, gedenkt ihr mein?

Wogen zischen um Bug und Räderschlag, Dazwischen jubelt ein dumpfes Zechgelag,

In den Fluten braust ein sturmgedämpfter Chor, Becher läuten aus tiefer Nacht empor.