ssen Gedichtsammlung für die Schule.
Wir haben eine Zeit gewaltiger künstlerischer Revolutionen hinter uns. Mussten wir auch durch die Dunkelkammer des Naturalismus schreiten, und haben uns die kreissenden Bewegungen der letzten Dezennien noch nicht den„Erfüllenden“ gebracht, als welcher trotz eifriger Betonung durch die Symbolisten der Dr. phil. Richard Dehmel zu Pankow bei Berlin nicht erscheinen mag, so können wir im ganzen doch herzlich froh sein über die vergangenen zwanzig Jahre. In dem Suchen und Irregehn lag erneute Kraftbetätigung, die aus der unsäglichen literarischen Verflachung der Gründerperiode herauszukommen trachtete.
Innerhalb der ungeberdigen Gärung jener hinter uns liegenden Epoche wurde nicht nur ein toter Punkt überwunden, sondern auch das halb verschollene„Sonnenland Avalon“ tiefster Lyrik wieder entdeckt.
Die amaranthene Pseudoromantik, der Saurierhumor der Scheffelbarden, die Atlaschmerzen- dichtung der Heineaner, die Salonvagantenlyrik der„Wölfflinge“ neben dem archäologischen Pro- fessorenroman— sie alle sind heute überwunden.
Heute ist es möglich, dass der„Kunstwart“ Zehntausende begeisterter Anhänger hat, heute ist es Avenarius, dem neuen und besseren Gottsched, vergönnt, sein„Hausbuch deutscher Lyrik“ in rascher Auflagenfolge hinauswandern zu sehen. Das deutsche Publikum findet jetzt in der Tat
die„Dichtergrüsse⸗ der Elise Polko ärmlich— wie weit hat jener Ausgeecirklte Mann trotz Ambrosius und Eschstruth den Geschmack der Bücherfreunde gefördert! Heute ist— und das verdanken wir dem„Kunstwart“ fast allein— das Verständnis des schwäbischen Goethe in mäch-
tigem Wachsen begriffen, heute erst beginnt unser grösster Dichtergeist das ganze Bildungsleben wie ein warmer Frühlingsregen zu durchtränken.
„Trotz aller Unkenrufe“, schrieb einmal Karl Busse mit Recht,„gibt es heute mehr Freunde guter Lyrik als vor zwanzig Jahren.“
Darin beruht die Bedeutung des letzten Sturms und Drangs, dass die grossen deutschen Lyriker entdeckt wurden, dass man Mörike fand, Goethe mehr verstand und dem Volkslied wieder seinen Platz einräumte. Wir setzen nicht das Ende der deutschen Literatur gleich dem Tode Goethe's, wir halten nicht mit Vilmar die Nachklassik einfach für Epigonendichtung. Warum sollte eine Entwicklung über Goethe hinaus im einzelnen unmöglich sein? Ward uns nicht die Heide (Droste, Storm, Liliencron), das Meer(Wilh. Müller, Heine), der Wald(Eichendorff), der Krieg deterene gegen dessen Kraft kommt Körner doch nicht recht auf!) für die Poesie: entdeckt?
Schenkte uns das Jahrhundert nicht Hamerling's Verse aus dem„Schwanenlied der Romantik“, (die sich leider in keiner der unten zu nennenden Gedichtsammlungen finden)?
Ist dieser Zeiten Zwielicht— Morgendämmerung
Mit einem neuen Tage schwanger, der herrlich und jung Ueber den harrenden Völkern beginne den stolzen Lauf:
Er gehe dir, o Heimat, gehe dir am ersten auf.
Und kommt er als Bote des Dunkels, und bricht die Nacht herein: Auf deinen Bergen säume des letzten Tages Schein:
Die letzte aller Blumen, sie blühe auf deinem Ried,
In deinen Hainen flöte die Nachtigall ihr letztes Lied.
Die Perle des himmlichen Segens, die irdische Blüten netzt. Von deinen Blüten, o Deutschland, wegtrockne sie zuletzt, Zuletzt dir schwinde der Zeiten verglimmendes Abendrot,— Du bist das Herz Europas, so lähme dich zuletzt der Tod!


