Jahrgang 
1903
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der jüngst erlebten grossen Anstrengungen und Erfolge zu dieser Wärme kam. Ebenso drängt auch bei unserer Episode der allgemeine Eindruck zu der Annahme, dass hier jemand zu Worte kommt, der die Katastrophe selbst miterlebt hat, bei dem die Erinnerung an die erlebten Vorgänge noch frisch ist, und die innere Erregung noch in seinen Worten hindurchklingt.

Aber kann dieser allgemeine Eindruck bei der Prüfung der Einzelheiten bestehen?

Die Lebhaftigkeit der Darstellung wird besonders durch die eingelegten Reden bewirkt, die sich selten so gehäuft finden¹). Der Ausgangspunkt und die Veranlassung zu der ganzen Katastrophe liegt in der Rede des Ambiorix. Ist diese Rede freie Erfindung Caesars, entworfen nach den Andeutungen der Uberlebenden, oder hat er sie aus dem ihm vorliegenden schriftlichen Berichte herübergenommen?

Im ersteren Falle standen ihm bei der Abfassung etwa noch die Mitteilungen des Cicero zur Verfügung, bei dem ein ühnlicher Überlistungsversuch gemacht wird 41, 2 6. Aber gerade ein Vergleich zwischen diesen beiden Reden wird dazu dienen, klar zu sehen. Dass Cicero sich von diesen Redensarten nicht fangen liess, nach der Erwähnung des Todes des Sabinus und nachdem Ambiorix selbst die Katastrophe bestätigt hatte, war keine grosse Sache. Die Entschliessung des Sabinus aber war in der Tat um vieles schwieriger. Die Rede des Ambiorix ist so fein ausgeklügelt, die einzelnen Teile auf ihre Wirkung hin so klug durchdacht und angeordnet²), dass man nur mit grösstem Unrecht die erreichte Täuschung des Sabinus diesem zum Vorwurf machen kann. Zudem sollte der Abzug nach der Meinung des Sabinus durchaus nicht nur zur eigenen Rettung dienen, sondern dieser Entschluss ist vor allem auch aus dem Gedanken gefasst, dem nächsten Winterlager Hülfe und Verstärkung zu bringen, vergl. 27, 5; 30, 3.

Hätte Caesar diese Rede entworfen und mit seiner Darstellung gar die Absicht verbunden, den toten Sabinus zumn axweiten Male xu vernichten, indem er seine Unfähigkeit und Beschränktheit an den Pranger zu stellen suchte, um selber dadurch in um so hellerem Lichte zu erscheinen, ³) dann lautete diese Rede sicher anders; gerade darauf hätte es ankommen müssen, die hinterlistige Absicht des Eburonenkönigs viel klarer und deutlicher erkennen zu lassen.

Die Rede enthält aber weiter Angaben, wie sie in der ferneren Diskussion, wie sie uns vorliegt, gar nicht mehr oder doch nur sehr unbestimmt zur Sprache kommen. S8o wird 27, 5 darauf hin- gewiesen, dass nach dem allgemeinen Plane ganz Galliens alle Winterlager an diesem gleichen Tage angegriffen werden sollen. Davon liest man im Folgenden so wenig mehr eine Anspielung, dass vielmehr Kotta 28, 5 die Hoffnung aussprechen kann, aus dem nächsten Winterlager werde schon Hülfe kommen, und dass diese unbegründete Hoffnung von Sabinus in der uns gegebenen Darstellung mit keinem Worte zurückgewiesen wird. Ebenso gibt Ambiorix 27,8 klar und bestimmt an: in zwei Tagen sind die Germanen da. Auch hierauf müsste man bei einer in einem Zuge

¹) Bemerkenswert ist die gleiche Ausstattung durch solche Reden im VII Buche, vergl. z. B. 71 die Rede des Vercingetorix, 77 die des Kritognatus u. a.

²) Der Aufbau dieser Rede ist sehr gut von Fabia a. O. beleuchtet, der sie freilich als Caesars Entwurf auffasst. Er unterscheidet S. 79 81: 1) praeparatio a) die Wohltaten., b) die Rechtfertigung der civitas. 2) confirmatio a) d. allgem. Plan, b) die Germanen. 3) propositio I:(TLturius) saluti consulat, propositio II: deducerent milites, aber nur in die deliberatio der Legaten gestellt. 4) peroratio a) Last des Winterlagers, b) sein Dank gegen Caesar. .*) Dies Worte(II S. 26) und Tendenz von Sumpffs Schrift, die mit grosser Beherrschung der einschlägigen Stellen geschrieben ist, in der Benützung dieser Stellen aber zur Vorsicht zwingt. So wird z. B. V 52, 2: non decimum quemque esse reliquum militem sine pulnere§. 28 aufgefasst: nur der zehnte Mann ist verwundet, und daraus gefolgert, dass die Lage des Cicero so schlimm gar nicht war. Gerade das Gegenteil ist der Fall: nicht der zehnte Mann war ohne Wunden geblieben, d. h. höchstens 350 Mann der ganzen Legion waren heil davon gekommen, und die Lage war eine verzweifelte! Die Rede des Ambiorix ist S. 25 26 natürlich Caesars Mache. Das zeigt der Widerspruch, wenn Ambiorix anfangs betont, sein Volk habe ihn gezwungen, und alle Lager wären am selben Tage angegriffen, und am Ende rät, den schützenden Wall zu verlassen und den einen Feind im Rücken, dem anderen in die Arme zu laufen. Als ob sich der Hinweis auf den Ungehorsam des Volkes nach der Meinung des Ambiorix nicht auf den gestrigen Überfall allein beziehe, und 27, 11 nicht ausdrücklich erklärt würde, es käme den Eburonen nur darauf an, von der Last des Winterlagers durch den Abzug der Römer befreit zu werden. Wer ist dann noch der Feind im Rücken? Um anderes zu übergehen, so würde der Schriftsteller Caesar den Caesar der Geschichte sehr verleugnen, wenn er die Tatsachen verdreht hätte aus Besorgnis, von seinen Legaten übertroffen zu sein. Was überhaupt über Caesars Beurteilung seiner Offiziere z. B. des Galba und Cicero gesagt werden kann, findet man bei Mezger: D. Abfassungszeit von Caes. Comment. über d. gall. Kr., Landau 1875, S. 8 u. 11, dessen Arbeit leider von S. nirgends verwandt zu sein scheint.