Man hört heute ſo oft das Wort Gemeinſchaft. Früher ſprach man von einer Schulanſtalt. Aus dieſer ſoll heute die Schulgemeinſchaft werden. Und ſo möchte ich denn dieſen Ausflug der ganzen Schule als ein Experiment anſehen zu dem Thema, das uns vor kurzem als Klaſſenaufſatz geſtellt war: Iſt ein Gemeinſchafts⸗ leben an unſerer Schule vorhanden, möglich, auszubauen? Ich will berichten, was ich geſehen und beobachtet habe und darüber dente.... Ein Gemeinſchaftsgefühl oder genauer geſagt ein Zuſammengehörigkeitsgefühl iſt an unſerer Schule vorhanden. Wem von uns Schülern hat denn z. B. noch nicht das Herz ſchneller geſchlagen, wenn es in Wilhelmsbad bei den Staffelläufen der Reichsjugendwettkämpfe hieß:„Jetzt läuft die Hola? Wir Schüler der oberen Klaſſen drängten uns doch genau ſo nach vorne, wenn unſere Unterklaſſen liefen, wie auch die Kleinen voller Erwartung waren, wenn„die Großen“ zum Laufen antraten. Was iſt das aber ſchließlich anderes als eine Außerung des Sich⸗verbunden⸗fühlens? Ebenſo fühlten wir uns als eine große Gemeinſchaft an dem Morgen, da wir uns zur Abfahrt am Hauptbahnhof trafen, oder wenn wir in der Senne gemeinſam zur Morgengymnaſtik verſammelt waren. Man redet unter den Schülern nicht gerne von dieſem Gemeinſchafts⸗ gefühl, aber vorhanden iſt es. Am ſtärkſten packte mich dieſes Gefühl bei den gemeinſamen Liederabenden im Kaſino. Ich glaube, ich bin nicht der einzige, dem es ſo erging. Was war es denn, was uns dabei ſo packte? Die Lieder, die wir mehr oder weniger ſchön ſangen? Die Muſik, die wir hörten? Beides hatten wir ſicher früher ſchon einmal erlebt, und vielleicht war damals Muſik und Geſang noch viel ſchöner. Aber was wir noch nicht erlebt hatten, das war, daß die ganze Schule ſo gemütlich, wenn ich's ſo nennen darf, beiſammen ſaß, daß wir alle zuſammen dieſe Lieder ſangen und uns heimiſch fühlten. Ja, wenn wir ſo unter uns waren, dann waren wir ſo gut wie daheim. Den Jüngeren iſt es ſicher ſo ergangen, wenn ſie ſich auch nicht klar darüber ſind und dieſem Gefühl Worte verleihen können. Keine andere Gelegenheit weckte ſo das Gemeinſchaftsgefühl, wie gerade dieſe Liederabende. Bei der Morgengymnaſtik hatte ich immer den Eindruck, als ob die meiſten noch halb ſchliefen und ſich gegenſeitig nur wie durch einen Schleier ſehen. Wenn es zum Eſſen ging, eilte man zwar geſchloſſen zur Kantine, aber jeder war ſchon ſo weit mit ſich ſelbſt beſchäftigt, daß man von Gemeinſchaft wenig merkte. Ja, das Gegenteil von dem, was der Gemeinſchaftsgedanken will, war zu ſehen: Jeder wollte ſein Brot als erſter aus dem Korbe nehmen, keiner konnte ſchnell genug zur Suppenſchüſſel kommen. Es zeigte ſich eben, daß das Gemeinſchaftsgefühl doch noch nicht ſo ſtark iſt, daß es auch das Handeln beherrſcht. Verſtärkt wurde es zwar, aber ſtark genug iſt es noch lange nicht. Vom Gemeinſchaftsleben in den unteren Klaſſen weiß ich zu wenig, als daß ich es beurteilen könnte. Wie aber geſtaltete ſich das Zuſammenleben der Oberklaſſen, die doch gemeinſam eine Baracke bewohnten? Sind dieſe Klaſſen ſich näher gekommen? Miteinander in Berührung kommen, heißt ja nie, auch ſich miteinander verſtehen und vertragen lernen. So ſind denn auch hier die Klaſſen als Geſamtheiten ſicher durch den Gemeinſchaftsgedanken nicht enger verbunden worden. Aber das ſchließt nicht aus, daß einzelne aus den verſchiedenen Klaſſen ſich näher kennen und ſchätzen gelernt haben, was ſicher der Fall war. Wenn dagegen die Klaſſen in einen ſtillen Wettbewerb getreten ſind, ſo könnte das auf den erſten Blick als Gegenteil von dem erſcheinen, was erreicht werden ſollte. Doch glaube ich, daß dieſe Geſpanntheit, von der man mehr redet, als daß ſie wirklich vorhanden iſt, nur zwiſchen Einzelnen beſteht. Aber darüber läßt ſich ſtreiten. Andere ſind anderer Meinung. Auch halte ich dieſen Wettbewerb wieder für den Ge⸗ meinſchaftsgeiſt fördernd. Freilich nur für die Gemeinſchaft im kleinen Kreiſe, für die Klaſſe. Die Klaſſen ſchließen ſich feſter zuſammen. Jeder fühlt ſich verpflichtet, für das einzutreten, was die Klaſſe, die Gemeinſchaft, angeht. Sicher führt dieſer Weg über die Klaſſengemeinſchaft auch zur Schulgemeinſchaft.— Wie weit nun die Klaſſen ſich als Gemeinſchaft zeigten, kann ich nur auf Grund gelegentlicher Beobachtungen berichten.— Die in ſich geſchloſſenſte und harmoniſchſte Klaſſe war für mich die UI mit ihrem Klaſſenleiter. Von Reibereien in der Klaſſe merkte der Außenſtehende wenig oder gar nichts. Vielmehr erſchien ſie friedlich als eine große Familie, in der alles von einer luſtigen Zufriedenheit und ſelbſtverſtändlichen Verträglichkeit getragen war. Vielleicht auch urteilt nur der Außenſtehende ſo.— In der O IIſcheint dieſe Harmonie nicht zu herrſchen. Freilich ſind es mehr capita und folglich mehr sensus. Einen gewiſſen Klaſſengeiſt ſcheint ſie aber doch zu haben, wie die bekannte Fahnen⸗ angelegenheit bewies, die ſichtbar dazu beitrug, den ſchlummernden Gemeinſchaftsgeiſt zu wecken. Die O I will ich nicht erwähnen, weil es mir ſonſt ſo ausgelegt werden könnte, als wollte ich hier pro domo ſchreiben.— Wenn auch hier das ganze Experiment zu keinem ſichtbaren und beſtimmten Erfolge geführt hat, ganz umſonſt war es nicht. G. OI.
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