Jahrgang 
1928
Einzelbild herunterladen

Auszüge aus dem Sennebuch. Der Preußiſche Miniſter für Wiſſenſchaft, Kunſt und Volksbildung. Berlin, 2. 2. 27.

U VI Nr. 3616. 1, U II, U III A.

Der Verband der deutſchen Jugendherbergen hat ſich in anerkennenswerter Weiſe bereit erklärt, die von ihm in den letzten Jahren geſchaffenen großen Muſterjugendherbergen während der weniger regen Wanderzeit ganzen Schulklaſſen für längere Dauer als Standbleiben und Schullandheime oder im Winter zur Pflege des

Winterſports zur Verfügung zu ſtellen.. Der Verband teilt ferner mit, daß ſeineKinderdörfer in Staumühle in der Senne mit 1000 Betten und im Münſterlager in der Lüneburger Heide mit 3000 Betten, ein drittesKinderdorf iſt auf dem ehe⸗ maligen Schießplatz Wahn bei Köln geplant, alsSchullandheime größeren Stils große Gruppen von Schülern(innen) und ſogar ganze Schulen zu längerem Aufenthalte aufnehmen. Vorwort.

Der vorſtehende Miniſterialerlaß wurde zum 1. Male in einer Konferenz am 7. März 1927 beſprochen. Mit der ganzen Schule eine gemeinſame größere Wanderfahrt zu unternehmen, erſchien im allgemeinen als ein wertvoller und lohnender Verſuch; dagegen ſprachen die Schwierigkeiten, die Unſicherheit des Erfolges und die Störung der geregelten Arbeit, ſo daß ein einſtimmiger Beſchluß nicht zuſtande kam. Über die Verhältniſſe imKinderdorf Sennelager beſorgte Dr. Gelhard nähere Auskunft, und nach den Oſterferien wurde mit großer Stimmenmehrheit feſtgeſetzt, daß die Fahrt in der letzten Auguſtwoche gewagt werden ſollte. Die verſchiedenen Mitglieder der Konferenz werden ſich mehr oder weniger von dem Verſuch verſprochen haben: der eine dachte mehr an die geiſtige und körperliche Erfriſchung der Jugend durch einen geſunden ländlichen Ferienaufenthalt, andere an die Erweiterung des Geſichtskreiſes, anderen erſchien die Gemeinſamkeit des Erlebens der ganzen Schulgemeinſchaft das Wichtigſte. Bei den weiteren Vorbereitungen und Beſprechungen ergab ſich zunächſt, daß die Mittel der Schule ſie waren im Vorjahre durch Schulveranſtaltungen geſammelt worden nicht aus⸗ reichten, um den Bedürftigen in allen Klaſſen die Koſten zu erleichtern. So mußten Quinta und Sexta zurück⸗ bleiben. Der Verlauf der Fahrt ſelbſt hatte durch mancherlei Hemmniſſe zu leiden. Da iſt zunächſt das zum Teil wirklich bösartige Wetter zu nennen. Es regnete faſt an allen Tagen, an manchen ſo ſtark, daß man ganze Tagesabſchnitte die Unterkunftsräume kaum verlaſſen konnte. Dazwiſchen ließen ſich einige größere Unter⸗ nehmungen mit ziemlichem Glück unterbringen, auch trank der Heideſand die Pfützen mit ſchier unglaublicher Schnelligkeit weg, ſo daß unter dieſen Unbilden die Stimmung nicht weſentlich gelitten hat. Peinlicher waren mancherlei Mißſtände in Einrichtung und Verwaltung des Lagers. Unſere Schule, die als erſte geſchloſſene Anſtalt auf die dortige Gaſtfreundſchaft Anſpruch machte, wurde als ein Fremdkörper empfunden, manche Vorſchriften paßten ſchlecht auf unſere Verhältniſſe, zumal wir Oberklaſſen mitbrachten, deren Durchſchnittsalter weſentlich über der dort üblichen Höchſtgrenze lag. Am bitterſten machte ſich das in der Beköſtigung bemerkbar, die in Geſchmack und Quantität nur der jüngeren Altersſtufe angemeſſen war. Daß auch mangelnde Gewöh⸗ nung unſerer Schüler an Gemeinſchaftsdiſziplin manchmal Schwierigkeiten verurſachte und auch gelegentlich Strafen nötig machte, ſoll nicht unerwähnt bleiben, ſchuld war immer Üübermut, nicht böſer Wille, ſo daß der Friede bald wieder geſchloſſen werden konnte.

Damit glaube ich über Schwierigkeiten und Hemmniſſe alles Weſentliche geſagt zu haben, um nunmehr feſtſtellen zu können, daß trotz allem die Fahrt uns nicht enttäuſcht hat. Es wird auf den folgenden Seiten verſucht, durch Einzelberichte ein Bild davon zu geben, wie die Großen und Kleinen die Zeit verlebt haben, in ſummariſcher Form läßt ſich nur weniges ſagen.

Die Tageseinteilung und-ausnutzung mußte oft mit plötzlichen Anderungen vom Wetter abhängig gemacht werden. So ließ ſich auch geregelter Unterricht Biologie, Erdkunde, Zeichnen waren geplant nur in zufälligem Wechſel einrichten(einzig die Oberprima hatte jeden Tag mehrere Stunden Unterricht); ſtärker als im ſtädtiſchen Schulleben kamen körperliche und muſikaliſche Ausbildung zu ihrem Recht. In der Hauptſache waren jedoch das Denken und die Zeit der Schüler erfüllt von den kleinen und großen Sorgen der täglichen Lebenseinrichtung. Man kann ſagen, daß man für ein ſolches Landheimleben eine erſte Woche nur zum Einleben braucht. Trotzdem hatten die Lehrer das Gefühl, daß die Woche des Einlebens in dieſe eigenartigen Verhältniſſe auch für die geiſtige, beſonders aber für die charakterliche Entwicklung der Schüler wichtig und

20