Jahrgang 
1928
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Wir waren nun oben angelangt. Nebel, Regen und wieder Nebel, richtiger Brockennebel! Das weite Brockenfeld ſah ſo geſpenſtiſch aus! Ich glaube, wir hätten uns nicht gewundert, wenn wir auf dem Brocken⸗ meer eine Hexe hätten auftauchen ſehen. Da plötzlich, ſieht nicht dort ſchon hinter dem Felsblock eine Geſtalt mit einem langen, ſchleppenden Gewand hervor? Sie kommt auf uns zu da iſt es, als ob ſich ihr Gewand

zerteile graue Nebelwolken ziehen dahin.

Auch während der Nacht konnte ſich der Regen anſcheinend nicht von unſern Jungen trennen, er tropfte nämlich höchſt vergnügt durch das riſſige Dach. Durch unſerSchlafgemach pfiff der Wind ſo ſtark, daß wir faſt davonflogen.

Am nächſten Tag machten wir zweifellos die ſchönſte Wanderung, trotzdem es immerzu regnete. Aber das trübe Wetter paßte ſo gut zu den dunklen Tannen. Beſonders ein Bild iſt mir in Erinnerung geblieben: Wir ſtanden oben auf einer Höhe und ſahen hinunter in das Tal. Zu unſern Füßen nichts als dunkle Tannen und gerade vor uns ein klares Gebirgswaſſer, das brauſend über die Felsbrocken in ſeinem Laufe ſprang. Der Himmel ganz grau in grau, und grauweiße, rieſige Nebelſchleier waren über die ganze Gegend gebreitet, die plötzlich verſchwanden, dann ebenſo plötzlich wieder daherzogen und alles geheimnisvoll verhüllten.

In Andreasberg, dem Ziel unſerer Wanderung, fanden wir Unterkunft in einer hübſchen, kleinen Jugend⸗ herberge. Unſer Führer, der keinen Platz mehr dort fand, überließ uns uns ſelbſt. Da entwickelte ſich nun ein ſehr, ſehr luſtiges Treiben: zwei der Mädels mußten kochen, die Jungen ſorgten für Brot und Butter und dann begann unſer feſtliches Mahl. Es war jedenfalls ſehr nett! Ich werde wohl bei den meiſten keinen Anklang finden, wenn ich behaupte, daß es in einer Jugendherberge wunderſchön iſt; aber dort in Andreasberg war es wirklich fein!

Am nächſten Morgen zogen wir weiter nach Benneckenſtein und fuhren von dort aus über Nordhauſen nach Hanau zurück. An dieſem letzten Tage ſahen wir den Harz endlich mal wieder in ganz hellem Sonnenſchein.

Unſer zuſammenfaſſendes Urteil über unſere Pfingſtfahrt war trotz des vielen Regens und mancher geſtörten Nachtruhe:Aber ſchön wars doch! OII Henß.

Sennefahrt. Das größte Erlebnis der Schule im Berichtsjahre war eine neuntägige Fahrt ins Kinderdorf Staumühle im Sennelager, an der die Klaſſen Quarta bis Oberprima, ſowie 10 Lehrer mit 6 Familienangehörigen teilnahmen. Es iſt heute nichts ſeltenes, daß Schulklaſſen mit ihren Lehrern auf längere Reiſen gehen oder auf mehrere Wochen ein Landheim beziehen. Daß eine ganze Schulgemeinſchaft ſich auf die Fahrt macht, iſt gewiß ungleich ſchwieriger einzurichten und hat auch manche Nachteile. Aber es lockte uns, den Vorteil einer nicht ſehr großen Kleinſtadtſchule, daß noch faſt alle Lehrer und Schüler ſich perſönlich kennen, auszunutzen zu dem Verſuch, durch eine ſolche Reiſe das Gemeinſchaftsgefühl einer größeren Gruppe, über die Grenzen der Schulklaſſe hinaus, zu beleben und zu vertiefen. Staatsbürgerliche Erziehung leiſtet ein ſolches Leben in der Gemeinſchaft, das zwar Selbſt⸗ zucht und Entſagung verlangt, dafür aber eine in ihrer Art unvergleichliche Steigerung des Lebensgefühls bietet. Es ſei geſtattet, über den Verlauf und Erfolg der Fahrt im folgenden durch Auszüge aus demSennebuch zu berichten, in dem als Ergebnis eines Wettbewerbs 8 Aufſätze, 29 Zeichnungen und 55 Photographien nebſt allerlei Dokumenten vereinigt ſind. (Das Buch wurde im Werkunterricht der Schule zuſammengeſtellt und gebunden.) Dem doppelten Zweck eines Schulprogramms entſprechend, werden ſolche unmittelbaren Nieder⸗ ſchriften eher als ein zuſammenfaſſender Bericht auf ein gewiſſes Intereſſe aller Freunde der Jugend rechnen können und jedenfalls den Teilnehmern der Fahrt von bleibendem

Wert ſein.

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