Jahrgang 
1902
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Am 17. Oktober besichtigte Herr Provinzialschulrat Dr. Kaiser die Gebäulich- keiten, den Spielplatz und die Badeanstalt des Gymnasiums. Am 18. Okt. hielt der Unterzeichnete die Ansprache zum Gedächtnis Kaiser Friedrichs III.

Am 1. Oktober waren 25 Jahre verflossen, seit der Unterzeichnete die Direktion des hiesigen Gymnasiums übernommen hatte. Da derselbe schon vor 7 Jahren sein 25jähriges Direktorjubiläum gefeiert hatte, so war auf seinen Wunsch von jeder festlichen Veranstaltung Abstand genommen. Doch ließen es sich die Herren Kollegen nicht nehmen. in Gemein- schaft mit ihren Damen, die reichen Blumenschmuck spendeten, ihm in seiner Wohnung ihre Glückwünsche darzubringen und ihm eine in den wärmsten Worten abgefaßte und sehr ge- schmackvoll ausgestattete Adresse zu überreichen. Für die auch bei dieser Gelegenheit ihm kundgegebene freundliche Gesinnung sämtlicher Kollegen und ihrer Familien erlaubt sich der Unterzeichnete auch hier noch einmal seinen herzlichsten Dank auszusprechen.

Am 30. Oktober besichtigte eine Kommission von Räten aus dem Ministerium, dem Provinzialschulkollegium und der Regierung zu Kassel eingehend die Räumlichkeiten des Gymnasiums, um festzustellen, ob ein Neubau erforderlich sei. Es darf wohl angenommen werden, daß die Unmöglichkeit, den augenfülligen Mängeln unsrer Schulräume anders als durch einen Neubau abzuhelfen, an entscheidender Stelle werde anerkannt werden.

Der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers wurde in gewohnter Weise gefeiert. Die Gymnasiastenkapelle führte am Vorabend den Zapfenstreich aus und eröffnete den Festtag mit dem Weckruf. Im Anschluß an den Gottesdienst fand in der Aula unter lebhafter Be- teiligung der Bürgerschaft die öffentliche Festfeier statt. Von den Schülern wurde ein Fest- spiel vorgetragenZwei Jahrhunderte unter dem Schwarzen Adler, Vaterländische Bilder in Liedern mit verbindender Deklamation. Dichtung von F. Werner, Musik von Edwin Schultz. Die Festrede hielt Oberlehrer Dehnhardt. Am Abend wurde in der festlich geschmückten Turnhalle für die Schüler der drei oberen Klassen eine Feier veranstaltet, an der sich der Unterzeichnete und die Mehrzahl der Lehrer beteiligten.

Am Abend nach dem in allen Beziehungen so schön verlaufenen Weste trat ein Er- eignis ein, das die ganze Anstalt in tiefe Trauer versetzte. Professor Kraatz hatte nach Neujahr seine Stunden nicht wieder aufnehmen können, hoffte aber, daß er nach wenigen Tagen der Ruhe wieder im stande sein würde, seines Amtes zu walten. Allein so sehr er sich auch dagegen sträubte, auf die Dauer konnte er sich doch der Einsicht nicht ver- schließen, daß es ihm noch für längere Zeit unmöglich sei, auch nur den Unterricht in der Oberprima, auf den er so ungern verzichtete, wieder in die Hand zu nehmen. Aber wenigstens die Prüfungsaufsätze der Abiturienten wollte er selbst korrigieren. Schließlich aber sah er es doch als eine Befreiung von einer schweren Sorge an, als ich ihm darlegte, es sollen seine Schüler nicht darunter leiden und keiner seiner Kollegen überbürdet werden, wenn er selbst auf diese Arbeit verzichte, um zunächst nur seiner Gesundheit zu leben. Am 28. Januar zwischen 5 und 6 Uhr hatte ich diese ihn sichtlich erfreuende Unterredung mit ihm und um 8 Uhr war der treue Arbeiter schon zur ewigen Ruhe eingegangen.

Am 29. Januar gedachte der Unterzeichnete vor der versammelten Schulgemeinde in warmen und ehrenden Worten des Heimgegangenen. Am 31. Januar gaben alle Lehrer und Schüler ihm das letzte Geleite.