Jahrgang 
1898
Einzelbild herunterladen

XXII.

Der Gärten Pracht, der Strme Silberband, Gold'ne Melonen an des Ufers Rand,

Die goldner noch sich in der Sonne malen; Die bunte Eidechs' glänzend im Gemäuer Zerſallner Tempel huschend, hell wie Feuer, Als lebte sie allein von Sonnenstrahlen;

Und noch viel herrlicher die grosse Schar Der Tauben, wie sie auf den Felsen bauen, Mit Schwingen unermüdlich, wunderbar,

In Farbe wechselnd, in dem Glanz zu schauen Des Abendrots, man wähnt bestreuet sie Mit Diamanten, mit der Harmonie

Der schönsten Farben, die der Regenbogen Noch je um's sonn'ge Peristan gezogen.

Dann tönt der alten Hirtenflöte Klang

Gar lieblich zu dem summenden Gesang

Der Schwärme wilder palästin'scher Bienen, Die Festschmaus halten bei den Blumen allen; Dein sanftes Ufer, Jordan, hell beschienen, Und in dem Wald der Schlag der Nachtigallen.

Die arme Peri aber kennt nur Leid;

Ihr Herz ist traurig, ihre Schwingen múd

Es freut sie nicht, wenn heiss die Sonne glüht Auf jenen Tempel, einst ihr selbst geweiht ²) Von dem nur Säulen einsam hoch noch ragen, Die ihre schmalen Schatten werfen, weit,

Gleich Zeigern, die der Zauberin, der Zeit,

Die Zahl geschwundner Alter sollen sagen.

Vielleicht ist's aber dennoch nicht bekannt, Dass in des Sonnentempels einst'ger Pracht

Ein Amulet von Steinen ruht, entfacht

Am Sternenlicht; von Salomonis Hand

Ein Pergament, worauf sein Siegel blinkt,

Und das von ihr mit schnellem Blick ergründet, Wohin den Flug sie nehmen soll, ihr kündet, Und wo zu Land, zur See die Gabe winkt,

Die Wundergabe, die abtrünn'gem Geist

Den Weg zum Paradies aufs neue weist.

e») Der Sonnentempel zu Baalbek.