Jahrgang 
1896
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nur Definitionen bringen ſolle. Die Anſicht, auch hier Pflanzen vollſtändig, d. h. in allen ihren Teilen zu betrachten, ſoll beſtehen bleiben, die Blüte allein ausgenommen. Das Pflanzenmaterial iſt hier für den Unterricht ſo auszuwählen, daß an einer Pflanze möglichſt viel Begriffe entwickelt und feſtgeſtellt werden können. Blütenteile ſind nur an einfachen und großblütigen Pflanzen mit einzu⸗ ſchließen. So würde z. B. an der Erbſe der rankende Stengel, die Blattranken, die Nebenblätter, das gefiederte Blatt, die Hülſenfrucht zu betrachten ſein. Das Verſtändnis für die Blüteneinrichtung an ſich und für den Beſuch der Inſekten iſt für dieſe Stufe zu ſchwer. Die typiſchen Formen der einzelnen Pflanzenorgane laſſen ſich auf dieſe Art ſehr leicht zuſammenſtellen.

An der hieſigen Anſtalt beginnt der botaniſche Unterricht in der VI mit der Keimung der Pflanze. Als Verſuchsobjekte dienen die Bohne und der Weizen. Der Bau des Samens wird zunächſt feſtgeſtellt. Hierauf wird er ausgeſät in Gegenwart der Schüler. Die Ausſaat geſchieht auf das Gartenbeet, in einen Keimkaſten und in einen kleinen Tannenbeſtand.

Der Keimkaſten iſt 1,5 m lang, 0,80 m breit und 0,15 m hoch. Dreiviertel des Innen⸗ raumes iſt durch eine Längs⸗ und verſchiedene Querwände in kleinere Abteilungen geteilt. Das letzte Viertel bildet eine Abteilung mit geneigtem Boden, ſo daß die Sonnenſtrahlen möglichſt günſtig wirken können. Die geneigte Platte iſt mit dicken, völlig mit Waſſer durchtränkten Filzplatten belegt. In die einzelnen Abteilungen werden nun die Bohnenſamen in die Erde eingeſenkt(die Zahl richtet ſich nach der Zahl der Schüler), und die betreffenden Stellen durch kleine Stäbchen markiert. In 1 bis 2 Abteilungen wird Weizen ausgeſät, gleichzeitig werden die Filzlappen mit Weizen⸗ und Bohnenſamen belegt, dann ein naſſes ſchwarzes Tuch und zur Abſchließung des Lichtes eine Blechſcheibe darüber gedeckt. Filz und Tuch werden ſtets feucht gehalten. Von Stunde zu Stunde werden nun eine Anzahl Samen aus der Erde herausgenommen und die Veränderungen an denſelben aufgeſucht und beſprochen. Die Beobachtung erſtreckt ſich ferner auf die anderwärts keimenden Samen. So ſpielt ſich vor den Augen des Schülers der ganze Keimprozeß ab, und er lernt dabei von vornherein die Grundbedingungen des Pflanzenlebens: Licht, Wärme, Feuchtigkeit und Nahrung kennen. Die Anordnung des Verſuchs ge⸗ ſtattet dem kleinen Schüler die wichtige Beobachtung, daß dem jungen Keim von der Mutterpflanze ſoviel fertige Nahrung mitgegeben wurde, daß er damit ausreicht ſelbſtändig zu werden, d. h. die erſten grünen Blättchen zu treiben zu ſelbſtändiger Aſſimilation. Nebenbei lernt der Schüler die Bedingung für die Chlorophyllbildung und die Begriffe monokotyle und dikotyle Pflanzen kennen. Die Weiter⸗ beobachtung am Beet ergiebt in dieſem Falle noch die Unterſchiede zwiſchen Keim⸗ und Dauerblatt und die Begriffe, windender Stengel, herzförmiges Blatt, Faſerwurzel, Halm, lineal⸗lanzettliches Blatt, Aehre.

Das Feſthalten des Geſehenen durch die Zeichnung bereitet auf der unterſten Stufe dem Schüler die größten Schwierigkeiten, weil die Uebung im Auffaſſen der Form und die mannelle Geſchicklichkeit noch ganz unentwickelt ſind. In den meiſten Fällen ſieht man die abenteuerlichſten Formen unter den kleinen Händen entſtehen, Geſtalten, die mit dem darzuſtellenden Objekte in keinerlei Zuſammenhang zu bringen ſind. Die Correktur der Zeichnung abſorbiert ſoviel Zeit, daß der erhoffte Erfolg in Frage geſtellt wird.

Ein Verfahren, das allerdings nicht ganz einwandfrei iſt, hebt dieſen Nachteil vollkommen auf. Ich laſſe die Schüler in karrierte Hefte zeichnen, deren Liniatur 45 mm Quadratſeitenlänge hat. Die horizontalen und vertikalen Linien ſind mit Ziffern verſehen, ſodaß es durch Abzählen leicht iſt, einen beliebigen Punkt raſch aufzufinden. Als Wandtafel wird eine quadrierte Tafel verwendet. Der Lehrer giebt auf die oben angedeutete Weiſe dem Schüler den Punkt an, von dem aus die Zeich⸗ nung beginnen ſoll. Das weitere Auffinden der Punkte, welche die zu zeichnende Linie durchſchneidet,