Jahrgang 
1908
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gewachsen sind, die Verständnis haben für das Werden, Ehrfurcht für das Altgeheiligte und vorurteilsfreie Würdigung des neu Erstehenden. In dieser Hoffnung wünsche ich dem Landgraf-Ludwigs-Gymnasium in dem jetet

beginnenden Jahrhundert fröhliches Gedeihen im Sonnenscheine des Wohlwollens der um- gebenden Welt.

Von der Oberrealschule zu Worms überbrachte Herr Oberlehrer Dr. Kraft den folgenden Glückwunsch:

Hochverehrter Flerr Direktor! Von Worms am Rhein hat man mich hergesandt in die Vaterstadt an der Lahn, Glückwünsche zu bringen der ehrwürdigen Bildungsanstalt, deren ehemaligen Schüler auch ich mich nennen darf. Es sind Glückwünsche, die die jugendliche Schwester, die Oberrealschule zu Worms, der älteren, der reifen, der vielerfahrenen darbringt. Mit einem gewissen Zagen darbringt: denn so hoffnungsvoll und zukunftsicher sie die eigene Aufgabe in Angriff genommen Taten kann sie noch wenige, Erfolge fast gar nicht aufweisen. Wie anders die ältere Schwester! Zahllose Schülergenerationen hat sie zur Hochschule entlassen, deren willige Helferin die Gleichalterige von allem Anfang gewesen. Zahllose tüchtige Männer und so manche ragende Persönlichkeit ver- danken ihr das Fundament, auf dem sie ihr Leben erbauten. Und überall im Lande wirkt ein junges Geschlecht höherer Lehrer, das an dieser Stätte entscheidende Richtung für die praktische Ausübung des Lehrerberufes erhielt. Denn auch neue Gedanken sind von dieser Anstalt ausgegangen, neue Ziele hat sie sich immer gesetzt, nimmer alternd, noch rastend, sondern fortschreitend mit den Forderungen einer neuen Zeit.

Und so grüsst die Oberrealschule, die ich zu vertreten die Ehre habe, die lubilarin als Mitstreiterin, die, gleich ihr selbst, noch immerheiss zu den krönenden Zielen fliegt. Diese Ziele sind doch wohl nicht dieselben. Das bekannte Wort von der nicht gleich- artigen, wenn auch gleichwertigen Bildung erinnert an diese Verschiedenheit. Aber von gleichem Geist sollten beide Bildungsvermittlerinnen beseelt sein, und sind es wohl auch, und von dem gleichen Wunsche, der deutschen jugend das Beste zu geben, was jede zu geben vermag.

Lassen Sie uns in edelstem Wettbewerb unseren verschiedenen Zielen zustreben! Reichen Sie ferner, wie bisher, der jüngeren vielleicht manchmal strauchelnden Oefährtin die stützende Hland wie Sie ja auch nicht verschmäht haben, von den Jüngeren zu lernen.

Möge das Landgraf-Ludwigs-Gymnasium zu Ciessen, das gute Alte wahrend, das bessere Neue nicht von sich weisend, immer sein und bleiben ein Jungbrunnen edler Geistes- bildung, eine Führerin zum Wahren und Schönen, eine Mehrerin der Humanitas!

Als letzter in der Reihe der Glückwünschenden widmete Herr Dr. Pitz, Direktor der Realschule zu Alsfeld, der feiernden Anstalt diese Worte:

Hochverehrter Herr Direktor! Bei der Feier des 300 jährigen Bestehens des Land- graf-Ludwigs-Gymnasiums dürfen auch die beiden Nachbarrealschulen Butzbach und Alsfeld nicht fehlen. Im Namen der Lehrerkollegien dieser beiden Anstalten danke ich herzlich für Ihre freundliche Einladung und überbringe ich die besten Wünsche zum Jubelfeste.

Ihre Anstalt und die unsrigen suchen ihre Ziele auf verschiedenen Wegen zu erreichen: Sie auf dem humanistischen, wir auf dem realistischen. Wenn wir nun heute hierher ge- kommen sind, so möge Ihnen das ein Beweis sein, dass wir, obwohl Vertreter der realisti- schen Richtung, doch nicht, wie oft behauptet wird, Gegner des Gymnasiums sind. Wir erkennen nicht nur die Berechtigung, sondern auch die Notwendigkeit seines Bestehens