Jahrgang 
1908
Einzelbild herunterladen

17

So besteht kein Gegensatz zwischen unseren Anstalten in dem Kern ihres Seins; beide umschliesst vielmehr ein einigendes Band in dem gleichen Streben, das jede mit ihren Mitteln in der ihr eignen Art zu verwirklichen sucht. Möge uns beiden die Zukunft zum Wollen das Gelingen fügen! Möge insbesondere das Gymnasium auch weiterhin eine gleich segensreiche und ehrenvolle Tätigkeit entfalten wie in den vergangenen Tagen, zum Wohle unserer Vaterstadt, zum Besten unseres Vaterlandes! Das walte Gott!

Die Glückwünsche der sämtlichen Gymnasien von Hessen übermittelte Herr Gymnasial- direktor Geh. Schulrat Dr. Mangold in nachstehenden Worten:

Hochgeehrter Hlerr Kollege! Ich habe den ehrenvollen Auftrag erhalten, dem Giessener Gymnasium am heutigen Tage im Namen sämtlicher hessischen Gymnasien Gruss und Glückwunsch darzubringen.

Von der Vergangenheit des Gymnasiums hat uns beredter Mund erzählt; ich möchte in seine Zukunft und zugleich in die Zukunft aller unserer Gymnasien weisen und möchte, wie man einem Geburtstagskind Gutes für das kommende Jahr wünscht, dem Gymnasium etwas Gutes und vor allem Notwendiges für das kommende Jahrhundert wünschen. Ich knüpfe diesen Wunsch an ein tiefempfundenes Goethesches Wort. Es lautet:Man ist nur eigentlich lebendig, wenn man sich des Wohlwollens andrer freut.

Das Wort ist gemünzt auf den einzelnen Menschen; es gilt aber auch von der Schule als Ganzem, von der Tätigkeit des Lehrers; ohne das hebende, tragende Wohlwollen der andern, d. h. der Eltern und der öffentlichen Meinung kann sie nicht recht leben und wirken. Und wir haben dies Wohlwollen im letzten Menschenalter oft schmerzlich ver- missen müssen; zum Teil sicherlich durch unsere Schuld, da wir in alten Formen und Ge- wohnheiten verharrten. Aber gerade das Giessener Gymnasium hat unter der kraftvollen Leitung seines langjährigen Direktors in erster Linie gestanden bei dem Bestreben, das Gymnasium zu einem modernen Gymnasium zu machen.

Wir dürfen und müssen durch Abstreifen alter Formen dem TZeitgeist Rechnung tragen; in dem aber, was das Wesen des Gymnasiums ausmacht, müssen wir dem Zeitgeist oder dem, was sich als Zeitgeist breit macht, Widerstand leisten. Ich darf hier meine Freude und Dankbarkeit Ausdruck geben für die schönen Worte, die Seine Magnifizenz der Herr Rektor soeben über Wesen und Wert des Gymnasiums gesprochen hat. Nachdem denen, die auf anderen Wegen wandeln, der Zugang zu allen akademischen Studien freigegeben worden ist, dürfen und wollen wir auf unseren Wegen verharren. Wir wollen an der Eigen- art des Gymnasiums, der gründlichen Beschäftigung mit den alten Sprachen und Schrift- werken festhalten und überzeugt bleiben, dass dies, wenn nicht der einzige, doch ein Weg und vielleicht der beste Weg ist, auf dem der jugendliche Geist zur Reife hinanschreitet. Haben wir doch in der schönen Darbietung des gestrigen Abends es selbst freudig erlebt, wie die einfache Orösse eines Sophokleischen Stückes die jugendlichen Herzen und auch die alten ergreift; wir dürfen hoffen, dass durch die innige Beschäftigung mit einem solchen. Werke alle guten Gaben des Kopfes und des Herzens geweckt und gefördert werden, dass die Freudigkeit der Schüler erhöht wird und somit auch das Wohlwollen der Eltern mehr und mehr wächst.

Wenn wir so an dem guten Alten festhalten und uns dem guten Neuen nicht ver-

schliessen, dann dürfen wir hoffen, dass unser Gymnasium sein Teil dazu beiträgt, Männer heranzubilden, die in der Vergangenheit wurzeln und doch der Gegenwart und Zukunft