Jahrgang 
1908
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15 in der Erkenntnis, dass die Anstalt, ihre Leiter und ihre Lehrer stets ihre Aufgabe in vollem Umfang erkannt und erfüllt haben, die Aufgabe, tüchtige Bürger der Stadt und dem Staate tüchtige Beamte zu erziehen.

Wohl haben die Ansprüche des modernen Lebens und die rasche Entwicklung der realen Wissenschaften die gebieterische Forderung gestellt, diese Aufgabe auch auf anderem Wege zu lösen als auf dem der klassischen Bildung. Den Anforderungen, die seitens der verschiedenen Berufszweige an die Vorbildung eines jungen Mannes gestellt werden, kann eine Anstalt nicht mehr gerecht werden; aus dem berechtigten Bedürfnis heraus entstanden auch in Giessen eine Oberrealschule und ein Realgymnasium, und auch diese Anstalten stehen in hoher Blüte. Aber sie gereichen unserem Gymnasium nicht zum Schaden, sondern nur zum Nutzen, denn alle unsere höheren Schulen verfolgen auf verschiedenen Wegen dasselbe hohe ideale Ziel. Der Wettbewerb der Schwesteranstalten und nicht zuletzt die Einsicht der an leitender Stelle stehenden Männer haben es glücklich verhindert, dass die Gymnasien im Vertrauen auf ihren alten Besitzstand und ihre äussere Stellung sich den gesteigerten Ansprüchen, die heute an die geistige Ausbildung gestellt werden, verschliessen; auch sie gewähren den Anforderungen des Lebens, was ihnen gebührt, ohne dabei das Bewährte preiszugeben, das die Vergangenheit überliefert hat.

In diesem Wettstreit eint uns alle das Bewusstsein, dass unsere ganze Kraft und unsere ganze Arbeit im Dienste unseres deutschen und unseres engeren hessischen Vater- landes steht, das als würdiges Glied des grossen Canzen zu erhalten wir alle berufen sind.

Dieser echte deutsche Geist, er wird auch in den kommenden jJahrhunderten hier gepflegt werden und dieselben guten Früchte für geistige und sittliche Bildung reifen lassen wie bisher.

Als Vertreter des hiesigen Realgymnasiums und der Oberrealschule und zugleich im Namen der Höheren Mädchenschule hielt darauf Herr Geh. Schulrat Dr. Rausch die folgende Ansprache und überreichte diese zum Schlusse als Adresse seiner beiden Anstalten:

In dem Kreise der Oäste, die diese Festesstunde vereinigt hat, ist in herzlicher Teil- nahme auch das Lehrerkollegium des hiesigen Realgymnasiums und der Oberrealschule erschienen, um der Schwesteranstalt die treuesten Wünsche zu entbieten.

Auf demselben heimatlichen Boden erwachsen, ist unsere Schule gegenüber der Jubilarin, die auf eine Geschichte von Jahrhunderten zurückblickt, eine Schöpfung von jugend- lichem Alter. Aber in ihrem Lebenslaufe zeigen beide eine unverkennbare Ahnlichkeit. Beide sind entstanden mit enggesteckten Zielen, das Gymnasium als Bestandteil der Universität nur als Vorbereitungsanstalt für diese, die Realschule lediglich mit der Bestimmung, die Söhne der Vaterstadt, denen die von der Volksschule gewährte Bildung nicht genügte, für ihren späteren Beruf in Hlandel und Gewerbe mit den nötigen Kenntnissen auszustatten. Aber im Wandel der Zeiten, hauptsächlich durch die nationale Entwicklung der letzten 50 Jahre, durch den mächtigen Aufschwung, den unser Vaterland auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiet genommen hat, haben beide eine wesentlich weitere Aufgabe erhalten. Nicht mehr dienen sie nur den besonderen praktischen Zwecken, denen sie ihre Entstehung verdankten. Beide erkennen jetzt als das wesentliche Ziel ihres Wirkens, die ihnen anvertrauten jünglinge mit sittlicher Kraft, mit vaterländischer Gesinnung, mit der Fähigkeit und dem Willen zu ernster Arbeit zu erfüllen, so dass sie später, wohin sie auch im Leben gestellt werden mõögen, als tüchtige, charakterfeste Männer erfunden werden.