Jahrgang 
1908
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Hochgeehrter Plerr Direktor! Vor wenigen Wochen haben Sie in diesem Saale der Ludwigsuniversität die Glückwünsche des Gymnasiums ausgesprochen. Heute freue ich mich der Ehre, an derselben Stelle dem Landgraf-Ludwigs-Oymnasium den herzlichen Glückwunsch der Ludoviciana darbringen zu dürfen.

Damals richteten Sie an die Universität die Mahnung, sie möge helfen, dass der Gymnasialbildung der Weg über Hellas und Rom nicht verlegt werde, und heute freue ich mich besonders, dass ich Ihren Worten Widerhall geben kann.

Denn es ist wirklich wahr, wenn es auch keine bequeme und gefällige Wahrheit ist, was der Grosse gesagt hat, der doch auch der Prophet der modernen Naturwissenschaft war:

Wer nicht von dreitausend Jahren Sich weiss Rechenschaft zu geben, Bleib im Dunkeln unerfahren, Mag von Tag zu Tage leben.

Wer in unbekanntem Lande ohne Kompass und Wegmarke seinen Weg sucht, der läuft Gefahr, dass er sich im Kreise dreht, wenn er sich nicht stetig der Richtung des Weges, den er in Biegungen und Krümmungen zurückgelegt hat, bewusst ist.

So kann man auch, wenn man nicht der Leitung eines Wundersternes vertraut oder gar den schlechtesten aller Cötzen, den Zeitgeist, anbetet, nur dann hoffen, irgendwie zum Fortschritt menschlicher Kultur beizutragen, wenn man sich von dem Wege der Kultur- entwicklung Rechenschaft abzulegen vermag. Und es ist wahrlich kein Unglück, dass dieser Weg über liellas und Rom führt, es ist nur ein jammer, dass wir nur eine so kurze Strecke zu überblicken vermögen und dass auch auf dieser Strecke manche Stellen von Oras über- wachsen und mit Trümmern bedeckt sind.

Freilich weder das Gymnasium noch die Universität darf sich auf die Fürsorge für diejenigen beschränken, die eine bessere Zukunft bauen: sie müssen auch sorgen für die, welche von Tag zu Tag leben und die Zahl der Gegenwartsmenschen ist nicht bloss grösser, sie muss auch grösser sein als die Zahl der Zukunftsmänner.

Ob daraus aber folgt, dass das Gymnasium und die Universität ihre Aufgaben lediglich nach den Bedürfnissen der Gegenwartsmenschen zuschneiden sollen, ob hier Zahl und Mehrheit von massgebender Bedeutung sind, das ist eine Frage, die an dieser Stelle zu erörtern nicht zweckmässig wäre.

Dem Giessener Landgraf-Ludwigs-Gymnasium dürfte ich jedenfalls, auch wenn der gestrige Nachmittag nicht Zeugnis abgelegt hätte, mit Zuversicht den Wunsch auf den Weg geben, es möge auch in seinem vierten Jahrhundert bewähren, dass es als ein Gymnasium illustre gegründet und eine Universität aus ihm hervorgegangen ist.

Im Namen der Stadt Giessen begrüsste Herr Oberbürgermeister Mecum die feiernde Anstalt in folgender Ansprache:

Hochgeehrte Festversammlung! Es gereicht mir zur besonderen Freude, unserem Gymnasium und allen, die ihm nahe stehen, namens der Stadt herzlichen Gruss und Glück- wunsch aussprechen zu können. Ich bitte diesen Glückwunsch nicht aufzufassen als den schuldigen Tribut, den jeder zu einer Feier Geladene darbringt; sondern er entspringt der tiefen, inneren Uberzeugung, wie sehr wir Ursache haben, der Schule und ihren Gliedern Glück und Segen zu wünschen und dem einsichtigen Fürsten zu danken, der vor drei Jahr- hunderten dieses Gymnasium und unsere Universität begründete. Diese UÜberzeugung wurzelt