Jahrgang 
1884
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wenn man dieſes nicht zu hoch ſteckt und ſich mit Anforderungen begnügt, denen auch mittelmäßige Naturen genügen können. Es ſchließt das ja für den Lehrer die Möglichkeit nicht aus, das Streben talentvoller Schüler, oder ſolcher, die für mathematiſche Arbeiten beſonderes Intereſſe zeigen, durch Privatanleitung zu unterſtützen. Weiter glauben wir, daß man ſo durchgreifende Änderungen, wie die vorgeſchlagenen, nicht blos auf Grund von theoretiſchen Erörterungen und im allgemeinen oft wenig motivierten Wünſchen vornehmen dürfe, ſondern daß man ſich hier auch von den in der Praxis, im Unterrichte ſelbſt, gewonnenen Erfahrungen müſſe leiten laſſen. Verſuche aber in dieſer Richtung, welche eine Probe für die Richtigkeit der aufgeſtellten Behauptungen ſein und eine Kontrolle für die erhobenen Anſprüche bieten könnten, ſind bis jetzt kaum angeſtellt worden. Und ſo lange nicht auch praktiſche Erfolge für die Einführung der genannten Disciplinen ſprechen, ſcheint uns die Erfüllung einer Forde⸗ rung auf Erhöhung der Ziele nicht unbedenklich. Endlich drängt ſich uns eine andere Erwägung noch auf, deren wenigſtens Erwähnung geſchehen ſoll, wenn wir auch die Beſtätigung ihrer Richtigkeit, für die uns Anzeigen ſchon vorzuliegen ſcheinen, noch abwarten müſſen. Infolge der Vorſchläge, welche von den in verſchiedenen Staaten zur Prüfung der Überbürdungsfrage berufenen Konferenzen gemacht worden ſind, iſt die Zahl der Unterrichtspauſen vermehrt und ihre Dauer nicht unerheblich verlängert worden. Mag die Zeit, die der einzelnen Unterrichtsſtunde dadurch entzogen wird, auch unbeträchtlich ſein, ein einfaches Rechenexempel zeigt, daß ſich die Stundenzahl des Jahrespenſums nicht unerheblich mindert. Dazu kommt, daß gleichzeitig die der häuslichen Arbeit zugemeſſene Zeit für alle Klaſſen auf ein Minimum reduziert worden iſt, eine Reduktion, welche an dem mathematiſchen Unterrichte wohl mit am erſten vorgenommen werden konnte, weil er bei geeigneter Einrichtung unter den verſchiedenen Lehrfächern vielleicht am wenigſten auf häusliche Präparation zu rechnen braucht. Wenn ſonach einerſeits die Erledigung und Befeſtigung des mathematiſchen Penſums immer mehr und faſt ausſchließ⸗ lich dem Klaſſenunterricht zugeteilt, andrerſeits die dieſem geſetzte Zeit aber auch wieder gekürzt und ſonach ſchon die gründliche Durchnahme des ſeither geſtellten Penſums erſchwert wird, ſo iſt gewiß die Frage nicht unberechtigt, ob unter dieſen Umſtänden eine Erhöhung der Ziele des mathematiſchen Unter⸗ richtes opportun erſcheinen koͤnne.

Faſſen wir zum Schluß alle die Erwägungen und Erörterungen zuſammen, die wir bezüglich der Ziele des mathematiſchen Unterrichtes ſowohl in den einzelnen Fächern, als auch im ganzen angeſtellt haben, ſo kommen wir zu dem Reſultate, daß uns eine AÄnderung an denſelben nicht wünſchenswert erſcheint. Auch wir teilen die Anſichten, die erſt neuerdings wieder ausgedrückt ſind in den allgemeinen Vorſchriften für höhere Schulen in Elſaß⸗Lothringen von 1883, daß die Zahl der Lehrſätze auf das notwendigſte beſchränkt, Gewandtheit in ihrer Anwendung als Hauptziel anzuſehen ſei, und in der neuen ſächſiſchen Lehr⸗ und Prüfungsordnung von 1882, daß der Schüler alles als wohl verſtandenes geiſtig verarbeitetes Eigentum, nicht als mechaniſche Fertigkeit und eingelernte Formel inne haben müſſe, daß alſo der mathematiſche Unterricht innerhalb ſeiner jetzigen Grenzen mehr zu vertiefen, als zu erweitern iſt. Wir erhoffen eine Hebung desſelben und ſeiner Leiſtungen und Erfolge viel mehr von einer gründ⸗ lichen Ausbildung ſeiner Methodik. Mit dieſer werden wohl immer mehr die ſeither geführten Klagen und damit die Wünſche nach übertriebenen Anforderungen verſtummen.

Wir haben deshalb auch an der Verteilung des Lehrſtoffs, deſſen Aufeinanderfolge ja grade bei dem mathematiſchen Unterrichte ſicherer gegeben iſt, als bei jedem andern, keine bedeutenderen Ände⸗ rungen vorzuſchlagen und nur zwei Punkte zu erinnern gefunden. Unſer Lehrplan ſetzt nämlich die Lehre von den Proportionen nach Obertertia. Wir möchten dieſelben im Gegenſatz zu den Referenten der 7. Pommerſchen Direktorenkonferenz von 1879, die ſie ſogar der Untertertia zuweiſen möchten, nach Unterſecunda verlegt und dort im Zuſammenhang mit der Lehre von der Proportionalität der Strecken