(Als Beilage zum Programm des Großherzoglichen Gymnaſiums in Gießen 1883/84.) Pr. Nr. 575.
Iſt an dem mathematiſchen Unterrichte eine Aenderung nach den Zielen und der Verteilung des Lehrſtoffs wünſchenswert?
Von Gymnaſiallehrer Ernſt Kutſch.
Verfolgt man die Verhandlungen der Direktorenkonferenzen der letzten Zeit bezüglich des mathe⸗ matiſchen Unterrichts, ſo bemerkt man, daß immer mehr Stimmen ſich erheben, ſowohl in den von den einzelnen Anſtalten gelieferten Specialreferaten, als auch in den Referaten der Verhandlungen, wie in den Verhandlungen ſelbſt, welche eine Reform der Ziele des mathematiſchen Unterrichts anſtreben. Und auch in pädagogiſchen und mathematiſchen Zeitſchriften ſind Wünſche derart laut geworden, Wünſche, welche auf erhöhte Anforderungen in dem mathematiſchen Unterrichte ausgehen. Neben einem von den betreffenden Referenten wirklich empfundenen Bedürfnis mögen es noch äußere Umſtände ſein, welche die zum Teil in übertriebener Weiſe erhobenen Anforderungen hervorgerufen haben. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es um den mathematiſchen Unterricht auf unſern Gymnaſien zum Teil ſchlecht beſtellt. Er wurde von Lehrern erteilt, die für denſelben in keiner Weiſe vorgebildet waren, meiſt von Philologen oder Theologen, die kein Verſtändnis und kein Intereſſe für ihre Aufgabe zeigten und auch nicht zeigen konnten, da ihnen ſelbſt die allernotwendigſten Vorkenntniſſe in dem Fach, das ſie unterrichten ſollten, abgingen. Oder gar wurde der mathematiſche Unterricht in die Hände junger Lehramtscandidaten ge⸗ legt, weil es an einer Gelegenheit, ſie in ihren Specialfächern zu beſchäftigen, mangelte, ihnen aber doch irgend welcher Unterricht übertragen werden mußte. Dieſe hatten dann meiſt in ihrem Fach nicht, viel weniger alſo wohl in einem ihnen fremden unterrichten gelernt. Da ſolche Lehrer nun höchſtens die geringen Anforderungen an die Schüler ſtellen konnten, denen ſie ſelbſt gewachſen waren, ſo war es nicht zu verwundern, daß von ihnen für die Hebung des mathematiſchen Unterrichts weder bezüglich der Methode, noch auch des Umfangs desſelben etwas gethan werden konnte. Dieſe Verhältniſſe haben ſich im Laufe der Zeit geändert. Der Unterricht in der Mathematik wurde Fachlehrern übertragen, die ſpeciell für ihren Beruf vorgebildet worden ſind, die deshalb dem Unterrichte, den ſie erteilen, und ſeiner Verbeſſerung natürlich mit ganz anderem Intereſſe und ganz andrer Hingabe obliegen und ſich ganz anders bemühen, nach Kräften zur Hebung des ihnen zugeteilten Faches beizutragen. Dieſelben haben
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