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und Integralrechnung lautende Wunſch zu ſein. Ganz beſonders iſt, wie ſchon erwähnt, der Aufnahme dieſes Calcüls auf der Elſaß⸗Lothringiſchen Direktorenkonferenz das Wort geredet worden. Auch der Referent der 2. Hannöverſchen Konferenz 1879 thut der Wünſche behufs Einführung der Differential⸗ und Integralrechnung Erwähnung:„Die Schüler ſollen das Newton''ſche Rieſenſchwert, wie Whewell die Infiniteſimalrechnung nennt, wenn auch nicht ſchwingen, ſo doch ſehen und ein wenig heben lernen“, bemerkt aber dazu, daß der Mehrzahl der Referenten die Aufnahme der Infiniteſimal⸗ rechnung fern liege. Ein eifriger Verfechter dieſer Disciplin iſt ferner Gallenkamp. Auf der Berliner Oktoberkonferenz 1873 ſucht er darzuthun,„daß die Bildungsaufgabe des Gymnaſiums die Aufnahme der Elemente der analytiſchen Geometrie und der Differentialrechnung fordere; nur dadurch könne der Gymnaſialabiturient eine Vorſtellung von der großen Kulturarbeit auf dem Gebiete der Naturwiſſenſchaft erhalten“; und in einer Abhandlung über die Reform der höheren Lehranſtalten, welche in den deutſchen Zeit⸗ und Streitfragen erſchienen iſt, ſagt er:„Wenn der Gymnaſiaſt eine Vor⸗ ſtellung davon gewinnen ſoll, wie die Mathematik die Sprache, das Organ der Naturforſchung ſein kann, ſo genügt es nicht, ihn mit der Elementarmathematik bekannt zu machen; er muß in die höhere Geometrie und in die höhere Analyſis eingeführt werden.“ So oft aber derartige Wünſche laut ge⸗ worden ſind, haben ſich auch Gegner derſelben gefunden. Schon der Korreferent der 12 Weſtfäliſchen Direktorenkonferenz 1854 erklärt ſich ausdrücklich gegen die Aufnahme der Differentialrechnung. Ebenſo gehört nach Anſicht des Korreferenten der Elſaß⸗Lothringiſchen Konferenz dieſe Rechnung der Univerſität an. Die 2. Hannöverſche Konferenz beſchließt:„Der mathematiſche Lehrſtoff des Gymnaſiums iſt nicht zu erweitern, ſondern zu vertiefen.“ Dr. Bonitz, der auf den Berliner Oktoberkonferenzen über die Veränderungen in der gegenwärtigen Organiſation der Gymnaſien hinſichtlich der Lehrgegenſtände zu referieren hatte, äußert:„So wertvoll namentlich die von manchen Seiten gewünſchte Aufnahme der analytiſchen Geometrie und der Anfangsgründe der Differentialrechnung in den Lehrplan des Gymnaſiums ſein würde, ſo beſorge er doch, daß die beſchränkte Zeit ein wirkliches Verſtändnis und ein Einleben in dieſe Gebiete nicht ermögliche“; und im 9. Jahrgange des pädagogiſchen Archivs ſagt eine Stimme aus Heſſen:„Nichts iſt bedenklicher und gefährlicher als die leider ſo häufige zu frühzeitige Einführung des noch unreifen Schülers in das eigentliche und umfangreiche Gebiet der Analyſis.“ Und auch uns ſcheinen die Stimmen, die ſich gegen die Einführung der Infiniteſimalrechnung hören laſſen, der größeren Beachtung wert. In der That hat man auch trotz der immer häufiger wiederholten Forderungen noch nirgends recht Luſt gezeigt, denſelben nachzugeben und die Einführung zu verſuchen. Schon die Schwierig⸗ keiten, welche dieſe Rechnung bietet, läßt ſie als Lehrfach eines Gymnaſiums ungeeignet erſcheinen. Denn wenn erfahrungsgemäß das Verſtändnis derſelben vielen Studenten auf der Hochſchule, die Mathematik als ihr Specialſtudium erwählt haben, ſchwer fällt, und wenn dieſe auch erſt durch vielfache Anwendung und Übung Klarheit und Einſicht bekommen über die hier neu entwickelten Begriffe und Sätze, ihre Bedeutung und Verwertung, wie viel weniger wird man ſie treiben können mit einer Schülerklaſſe, in der ſich nur bei wenigen Schülern die nötige Reife, bei noch viel wenigeren das für ſo ſchwierige Disciplinen notwendige Intereſſe finden wird! Wie mangelhaft müſſen wohl, ſelbſt wenn ſich dieſer Unterricht in guten Händen befindet, die erzielten Erfolge ſein und wie wenig befriedigend die Geſamtleiſtungen! Aber ſelbſt zugeſtanden, daß die Schwierigkeiten, die dem Schüler bei der Erlernung dieſer Rechnung ent⸗ gegentreten, zu überwinden wären, ſo hat ſie doch keine eigentliche Bedeutung für die Schule, weil ein⸗ mal aus Mangel an Zeit ein auch nur einigermaßen befceiedigender Abſchluß nicht erreicht werden kann, da man den bereits begonnenen Gegenſtand wieder verlaſſen muß, wenn die Schüler kaum die erſten Schwierigkeiten überwunden haben; dann aber beſonders, weil ſich in der Schule keine Gelegenheit zur Anwendung des Gelernten bietet, und doch notwendigerweiſe die Regeln und Lehrſätze, die gegeben


