Jahrgang 
1883
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E.

Der einfache Adjectivbegriff erhält in der Zusammensetzung einen Zusatz, welcher dazu dient, das zugehörige Substantiv zu beleben und zu beseelen.

Eine vergleichende Betrachtung der Sprache der Dichter und Prosaiker aller Völker lehrt, daſs ein wesentliches Mittel, den Stil über das Alltägliche zu erheben und gewissermaſsen in ein idealeres Gewand zu kleiden, die Personification ist. Darunter verstehe ich in wei- terem Sinne nicht nur die Ausdrucksweise, welche leblosen Gegenständen die Eigenschaften von lebenden Wesen zuschreibt und sie durch diese Versinnlichung unserer Vorstellung näher bringt, sondern auch diejenige, welche einer nach dem Gefühle des Dichterzeitalters weniger erfaſsbaren Sache ein Epitheton beilegt, das der Phantasie des Hörers zu Hülfe kommen und- bekanntere Bilder in ihr erregen soll. Der Grieche sieht in allem, was ihn umgiebt und trifft, plastische Gestalten, er nennt deshalb die Verblendung nicht bloſs eine schändliche, sondern sie hat bei ihm einen schändlichen Sinn. Den schnellen Schiffen giebt seine reiche Phantasie Flügel. Andererseits legt er dem jungen Manne eine schöne σραα bei, aus keinem anderen Grunde, als um uns ein sofort greifbares Bild, hier das Bild von dem schöngeschmückten Schiffe vor Augen zu führen. Nun kann es nicht in unserer Absicht liegen, in der Weise, wie nament- lich Hense es gethan hat, alle derartigen Redewendungen, welche auf personificierenden An- schauungen beruhen, hier zu behandeln, sondern nur diejenigen werden uns beschäftigen, in welchen einmal das Compositum nur eine poetische Bereicherung des streng genommen ge- nügenden einfachen Adjectivs enthält, andererseits der Dichter sich des Bildes, welches in dem zweiten Teile des Epitheton ruht, noch bewuſst zu sein scheint. Dals letzteres in vielen Fällen nicht mehr der Fall ist, dürfte aufser Frage stehen, falls man eben nicht auf den Ur- sprung der Sprache, die ja schlieſslich nur der lautliche Ausdruck sinnlicher Bilder ist, zurück- gehen will. Im Uebrigen hat das mit so vielem Verständnis für die feinsten poetischen Wend- ungen angelegte Buch Henses mit seinem Bestreben, die Personification bis zu ihren ersten Anfäüngen zu verfolgen, so gut wie keine Rücksicht genommen, auch wohl kaum nehmen können, auf die specifisch sprachliche Seite. Demnach erhellt es von selbst, daſs wir ver- möge unserer Absicht womöglich nur mit diesem Hülfsmittel den Gebrauch der Composita zu erklären, sehr oft zu anderen Interpretationen kommen mufsten. In wie weit uns hierin die Überlieferung des Altertums und Analogieschlüsse unterstützten, unterliegt der Beurtéilung des philologischen Lesers. So konnten wir in vielen Fällen die Vorliebe des Dichters, den Begriff des Substantivs anch in dem zugehörigen Adjectiv zu urgieren, wie in zα̈νᷣαανοι acwat, als Erklärung heranziehen, wo man sonst bloſs der Personification ihr Recht giebt. Bei anderen, seither meist auf demselben Wege erklärten Zusammensetzungen, wie bei denen auf. -os etc. sahen wir, daſs dieselben im Begriffe sind, zu der Geltung von einfachen Adjectiven mit volleren Suffixen herabzusinken. Jedenfalls konnten dieselben kaum noch als im Ge- brauche von dem Simplex verschieden angeschen werden. Ein Compositum xodνπηm mit öμυμα verbunden zeigte ferner, daſs auch der häufige Gebrauch volltönende Redeteile selbst im ersten Gliede nicht mehr als bedeutungsvoll fühlen läſst. Endlich konnten wir, gestützt auf sprach-