1. Teil.
Das Genetivverhältnis wird durch zusammengesetzte Adjectiva ausgedrückt.
A.
Das Compositum vertritt den Genetiv, ohne dafs eines der beiden Glieder seine ursprüngliche Bedeutung einbüfst oder eine Vertauschung der Adjectivbegriffe (traiectio epitheti) stattfindet.
Die griechische Sprache hat bekanntlich vermöge ihrer aufserordentlichen Biegsamkeit und ihres dadurch bedingten Formenreichtums eine unerreichte Fülle von zusammengesetzten Worten, namentlich Adjectiven, hervorgebracht. Es war diese Fähigkeit zunächst ein vorzüg- liches Mittel in ein einziges Wort eine überraschende Vielheit von Gedanken zu kleiden und so eine Prägnanz des Ausdrucks zu bilden, welche die Nachwelt über die kühnsten, inhaltreichsten Verbindungen staunen läſst. Die Aneinanderrückung zweier Wortstämme— deren Muster schon vor der Casusbildung anzunehmen sind—*), welche es dem Verstand des Hörers überläſst, sich selbst die grammatische Relation zu construieren, welche aber bei aller Vieldeutigkeit im Zusammenhange doch nicht unverständlich sein durfte, muſste besonders den Tragikern und diesen wieder in ihren hochgetragenen lyrischen Teilen ein willkommenes Mittel sein, ihre Diction zu einer feierlichen, prägnanten, vom Sprachgebrauche des Alltäglichen abweichenden zu machen. Und besonders ist es ja Aeschylus, der, ein Aristokrat in der Politik wie in der Poesie, in welcher er seine altehrwürdigen conservativen Gesinnungen dem neuerungssüchtigen Athenervolk predigte— wie ich an einer anderen Stelle bewiesen zu haben glaube—, es nicht verschmäht hat, dem Publikum eine den Denkenden mit Bewunderung, den gewöhnlichen Menschen mit der Ahnung von dem gewichtigen Gehalte seiner Welt erfüllenden Sprache zu bieten, welche schon zu Aristophanes' Zeiten als eine„dunkle“ bekannt war. Wer wollte leugnen, daſs diese Phraseologie dem hohen, sittlichen Inhalt entspricht?
Von den verschiedenen Wegen nun, welche der Dichter teils fast neu geschaffen teils weiter ausgebildet hat, behandeln wir zuerst den Gebrauch, nach welchem teils mehr teils
*) G. Curtius, Z. Chronol. der indogerm. Sprachforschg. ² S. 70.


