Jahrgang 
1864
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in andere vor den mit t beginnenden Suffixen, oder die Umgeſtaltung der Präteritalendung da nach gewiſſen Characterconſonanten im Agſ., Altſ. und Altn. beruht. Uns beſchäftigen hier nur Umwand⸗ lungen von Conſonauten in ſolche, die theils dem Organe nach jenen fremd ſind, wie z. B. ddνκορυμα und lacruma, got. tagr, theils jedoch homogener Natur, wie im altſ. brawa und bräha; im ahd. sajan, säban und sâwan, ſo im agſ. geseah und gesavon, part. geseven und gesegen. Vgl. Heyne a. a. O. Freilich werden wir hierbei nicht nur germaniſche, ſondern auch fremde Formen beibringen. Anders ſind dabei die Verhältniſſe des erſten Beiſpiels, wo der Lautwechſel als Wurzelvariation ſtattfindet, anders die Verhältniſſe der folgenden Beiſpiele aufzufaſſen. In dem einen Beiſpiele ſind verſchiedene Wurzel⸗ individuen, Schweſterwurzeln, wie man ſie nennen kann, vorhanden, in den andern nicht. Ueberhaupt muß man bei den verſchiedenen Sprachgruppen unſres Gebietes nicht auf Wurzelgleichheit halten. Das Individualiſieren der Wurzeln ſcheint eine Eigenthümlichkeit, beſonders unſrer germaniſchen Gruppe zu ſein, wie Jacob Grimm wohl mit Recht(Diphth.) hervorhebt. Man treibt die Gleichmachung der Formen zu weit, wenn man eine Maſſe von Suffixen auf eine gemeinſchaftliche Urform zurückführen will. Warum denn nicht wie bei den Erſcheinungen der Natur eine große Menge individueller Formen annehmen? Welche unendliche Mannichfaltigkeit z. B. in den Formen des Blattes? Weshalb ſoll denn der Sprachgeiſt ſo knapp und karg ſchaffen? Selbſt nicht einmal gleiche Vorſtellungen müſſen durch dieſelben Mittel bezeichnet werden. Warum muß denn das deutſcheſchwarz von Legerlotz in Kuhns Zeitſchrift ſchlechterdings mit dem griechiſchen a vereinigt werden?

In unſern oben angeführten Beiſpielen kamen wurzelhafte Verſchiedenheiten und ſolche vor, die nur den Bildungselementen angehören. In beiden Arten haben ſich nun die Mundarten reich entfaltet und der uns beſchäftigende Conſonantenwechſel iſt recht eigentlich auf dem Gebiete der Dialecte zu Hauſe. So nicht nur im Germaniſchen, ſondern auch beiſpielsweiſe im Griechiſchen, wenn wir das ſonſt gemein⸗ griechiſche 6 neben das freilich ältere, neuioniſche halten. Solches Auftreten nennt Curtius alſo ein ſporadiſches, wenn es auch hier als allgemeine Erſcheinung gilt, während von ihm das italiſche f unter die weſentlichen Umwandlungen gerechnet wird(G. g. E. I, 73). Sonach ſind Lautveränderungen wie in dem nordheſſiſchen und thüringiſchen Kenger= Kinder ebenfalls nur ſ. g. ſporadiſche, wenn ſie auch, wie dort im Griechiſchen, ſo in dieſen Mundarten durchgreifend auftreten. Wie verhält es ſich aber in dieſem letzteren Falle mit dem von Curtius, G. g. E. I, 19 vgl. mit 31; 32, aufgeſtellten Grund⸗ ſatze,daß nur ein Uebergang des ſtärkeren Lautes in den ſchwächeren, nicht umgekehrt zu erwarten ſei? Dieſer dialectiſche Wechſel im Deutſchen hat wohl eine andere Veranlaſſung, als ſie Curtius in Rückſicht auf das Griechiſche annimmt. Ihm iſt nur der Uebergang von g zu d gerechtfertigt, welcher hier wohl nicht anzunehmen iſt. Daß hier auch ein ganz anderer Vorgang ſtattfindet, als wenn ein griechiſches Tαœ³oy italieniſch zu paggio, franzöſiſch zu page, lat. podium italien. zu poggio, lat. hordeum franz. zu orge, got. vadi franz. zu gage wird, iſt ſicher. Uebrigens ſpricht ſich Curtius, G. g. E. II, 29, ſelbſt dahin aus, daß das allgemeine Geſetz nicht ſo ſtrict durchgeht, und auch umgekehrte Uebergänge durch die Menge unzweifelhafter Fälle wieder Geſetz in einer beſonderen Sprache werden können. Das haben wir ſicherlich in dem angeführten Beiſpiele der deutſchen Mundarten.