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des tropiſchen Indiens. Hierin müſſen die Sprachen unſres Gebietes von Anfang an auseinander gegangen ſein. Ja, bei zwei ſo nahſtehenden Schweſtern, wie bei dem Italiſchen und Griechiſchen, welcher Unterſchied in dieſem Puncte! Wer wollte aber trotz den gemeinſamen Sprachtugenden verkennen, daß in der bunten Fülle der germaniſchen Sprachen und wieder der deutſchen Dialecte ein Vorbild ihres geiſtigen Weſens und Lebens, ihrer Geſchichte gegeben ſei. Immer wieder müſſen wir die Griechen als Folie für uns heranziehen. Trotz der Spaltung in drei Hauptdialecte(oder eigentlich nur zwei) war die Sprache doch das gemeinſame Band für alle Hellenen. In ihrer Sprache fühlten ſie ſich allen Nichtgriechen gegen⸗ über als ein Ganzes; durch das Band der Sprache blieben die vielfach zerſtreuten Stämme ſtets wie um einen Mittelpunkt vereinigt. Wie anders bei den Germanen! In große, nie vereinigte Gruppen giengen die Nord⸗ und Südgermanen auseinander; ja, und bei den Letzteren, wie lange dauerte es, bis ſie ſich durch eine gemeinſame Sprache verſtehen und einigen lernten. Lange haben die deutſchen Dialecte in 2 oder 3 Hauptgruppen unverſtanden neben einander exiſtiert; da ſchlug bald der eine, bald der andere Dialect vom Süden her durch, es verſuchend, das einigende Band zu werden; der flache Norden brachte es nie ſo weit, nur nach der Herrſchaft zu ſtreben. Noch im Mittelhochdeutſchen iſt ein entſchieden ſüddeutſcher Dialect endlich zu allgemeinerer Geltung gelangt, und erſt unſer heutiges Deutſch,„deutſch“ ſchlechtweg, mag mehr der Mitte zwiſchen beiden Hauptdialecten angehören.
Was iſt aber das allen germaniſchen Sprachen zu Grunde liegende Gemeinſame? Es iſt die ſchon berührte Bildung von nur zwei Zeitformen; die Beſchränkung auf vier bis fünf Caſus; die Tugend, Compoſita in unbeſchränkter Fülle zu bilden; und vor allem das durch die ganze Sprache durchziehende Geſetz des Ablauts, das Schibolet der Germanen. Grimm ſtellt(Diphth. 60) noch dazu, daß die deutſche Sprache keine auf Vocal, noch auf v oder j ausgehenden Wurzeln habe. Was ſcheidet unſre Gruppe von ſämmtlichen Verwandten der Sippe? die Lautverſchiebungl!
Wie bei den menſchlichen Individuen neben aller Gemeinſamkeit der Hauptzüge doch eine Menge kleiner Eigenheiten hervortreten, ſo auch bei den Sprachen. Gemeinſam ſind uns mit den meiſten Völkern der indogermaniſchen Gruppe eine Menge von Bezeichnungen für Verwandten, für Hausthiere, für die Zahlen, für die Pronomina u. a. Gemeinſchaftliche Wurzeln bezeichnen die Thätigkeiten des Leibes und der Seele; letztere wohl alle aus ſinnlicher Anſchauung fließend. Doch wie eigenthümlich waltet dabei die Individualität eines jeden Volkes. Das eine Volk läßt nach ſeiner ihm zugemeſſenen Begabung eine andere Vorſtellung dieſelbe Wurzel begleiten, als das andere; dieß Volk drückt dieſelbe Anſchauung durch einen andern Lautcomplex, alſo eine andere Wurzel aus, als jenes; einzelne Völker haben eine Vorliebe für die eine Wurzel und faſſen unter ihr mehr Vorſtellungen zuſammen, als andere. Aber alle Indogermanen flectieren auf gleiche Weiſe.
Nur in untergeordneten Dingen drückt ſich die Individualität aus. Hätten wir nur erſt gelernt, ein Geſetz aufzufinden für eine Maſſe gleichmäßiger Abweichungen von einer gemeinſamen Grundlage. Große Züge von Eigenthümlichkeiten treten z. B. bei Bergvölkern und Flächebewohnern characteriſtiſch auf. Was aber bewegt in andern Fällen ein Volk, nach dieſem oder jenem Laute zu greifen? Dieſe Frage iſt es, welche uns vorgelegt iſt in der folgenden Zuſammenſtellung von einzelnen Erſcheinungen.
Allbekannt iſt der conſequent in den germaniſchen Sprachen auftretende Conſonantenwechſel, den man Lautverſchiebung nennt. Davon ſoll hier nicht die Rede ſein, ſondern von einem andern, der nicht als Geſetz aufgefaßt werden zu können ſcheint, ſondern nur, wie G. Curtius(G. g. E.) es ausdrückt, ſporadiſch auftritt und mehr als Neigung einzelner Dialecte erſcheint. Gemeint iſt aber ferner hier auch nicht die ſ. g. Verſtufung, wie ſie z. B. im gotiſchen Auslaut, oder gleich wie im Sanskrit beim Antritt von Conſonanten oder nach denſelben ſich zeigt, worauf auch der Uebergang von Stummlauten


