Jahrgang 
1864
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gl, gn, kn, kr, dv(Benfey), als ob jemals eine Zeit geweſen wäre, wo ein Urvolk ſich blos dieſer Verbindungen von Lauten bedient hätte, um Begriffe auszudrücken. Die Sprachforſcher ſcheinen ſich darüber noch nicht Rechenſchaft abgelegt zu haben, was denn mit der ſ. g. Einſilbigkeit der Wurzeln gedient ſein ſoll. Unſer Sprachſtamm muß von Uranbeginn Verbindungen, d. h. Zuſammenſetzungen von Wurzeln mit andern Elementen inſtinctiv gebildet und beſeſſen haben, ſonſt iſt ſchlechterdings pſychologiſch unbegreiflich, wie ſich eine flectierende Sprache von den iſolierenden und agglutinierenden unterſcheide. Die chineſiſche Sprache z. B. bewahrt bis auf den heutigen Tag ihre urſprüngliche Individualität, abgeſehen von allen lautlichen und geſchichtlichen Veränderungen innerhalb ihrer ſelbſt. Hätte unſer Sprachſtamm jemals einſilbige Wurzeln als pſychologiſche Entwickelungsformen gebraucht, ſo bliebe es rein unerklärlich, wie er jemals flectierend geworden wäre. Ein Baum, als organiſches Weſen, unterſcheidet ſich in ſeiner individuellen Uranlage weſentlich von einem Minerale, das lediglich auf dem Geſetze des Kryſtalliſations⸗ proceſſes beruht. Wir möchten überhaupt der Sprachforſchung anrathen, der Methode der inductiven Naturforſchung mehr abzulernen. Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß die von Grimm als 2te angenom⸗ mene Periode der Sprachbildung von der 1ten kaum zu trennen ſein werde. Hauptſache für uns bleibt immer die im Großen und Ganzen gleiche Bildungsweiſe unſerer Sprachengruppe, wodurch ſie ſich als ein Geſammtindividuum ſelbſtändig neben die mongoliſche, neben die altaiſche u. a., gewiß aber auch neben die ſemitiſche Gruppe ſtellt.

Eine weit größere Einheit als unter den Hauptgliedern dieſer großen Gruppe zeigt ſich ſelbſtver⸗ ſtändlich unter den zu einer Einzelgruppe ſich zuſammenſtellenden germaniſchen Sprachen. Hier iſt Alles ſo übereinſtimmend ausgebildet, daß nur als ein einziger ins Auge fallender Punct der Artikel erſcheint, welcher bei den nordiſchen Sprachen ſuffigiert wird, wenn er auch als eigentliches Pronomen vor ſeinem Subſtantiv ſteht, wie er im Altnordiſchen noch meiſt, ja faſt ausſchließlich vorkommt(Edda). Reichthum der Formen iſt nicht Sache unſrer Gruppe. Die betreffenden Sprachen ſind dem Sanskrit und Griechiſchen gegenüber ſo arm, wie der Norden der jetzigen germaniſchen Welt gegenüber der reichen Pracht des Gangathales und der Mannichfaltigkeit des vielgegliederten Hellas, ſo daß man faſt glauben könnte, dieſer ſtarre Norden ſei die urſprüngliche Heimath der germaniſchen Völker, wenn nicht eine noch friſche Erinnerung der Nordlandsvölker ſelbſt auf die aſiatiſche Urheimath hinwieſe. Wie aber der äußeren Seite eine innere parallel geht, ſo entſpricht auch der Geſtalt der altnordiſchen Sprache ihre Poeſie. Knapp und kurz iſt das Gewand der Sprache und knorrig und eckig der nordiſche Mythus; nichts von der maßvollen Schönheit der Hellenen iſt hier zu finden, nichts von der tropiſchen Wucherfülle der Indier. So finden wir bei den Scandinaviern wieder recht beſtätigt, wie die Sprache der adäquate Ausdruck der geiſtigen Anſchauung iſt. Neben dieſer Geſtalt im Norden ſteht die gotiſche Schweſter. Hier wie dort keuſche Beſcheidenheit in der äußeren Erſcheinung; ja, wie einer älteren Schweſter ſteht dem Gotiſchen größere Einfachheit der Vocale gut zu Geſicht. Bei beiden große Pietät für die mütter⸗ liche Mitgift, und wie es oft vorkommt, daß eine Schweſter ein Familienkleinod werther hält, als die andere, ſo finden ſich auch in dieſen beiden Sprachen einzelne Züge, die älter ſein müſſen als Gebilde des Sanskrit. Welcher Wechſel dagegen mit Vocalen im Angelſächſiſchen! Ein vielbewegtes Seemanns⸗ leben ſpiegelt ſich hier in der äußeren Erſcheinung der Sprache, und doch überall die gemeinſamen Züge der germaniſchen Mutter nicht zu verkennen. So ſteht die Sprache der beweglichen, ſeit undenklichen Zeiten an und auf dem Meere lebenden Jonier der Sprache des ſtätigen, ernſten Doriers gegenüber. Wie aber hier dennoch durch beide Sprachen dasſelbe Ebenmaß der Bildungen, derſelbe Geiſt und Sinn für einen feinen Organismus hindurchweht; ſo waltet auch in allen germaniſchen Sprachen als Haupt⸗ tugend die volle Kraft einer zeugungsfähigen Natur; alle germaniſchen Sprachen vermögen Compoſita in wohlgeſtalteter Form ähnlich wie das Griechiſche zu bilden; nichts von den monſtroſen Compoſitionen