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Ja, innerhalb unſres eignen Sprachgebietes müſſen, wie wir oben andeuteten, typiſche Grundanlagen und Verſchiedenheiten von Uranfang angenommen werden. Unſer nächſtes Gebiet, das uns hier weiter beſchäftigen ſoll, zeigt eine ſo wunderbare Eigenart, daß ſie nicht etwa nachträglich nach der Trennung von dem gemeinſamen Urlande erſt entſtanden ſein kann. Es laſſen ſich Vorgänge, wie das Spalten des einen Urvocals a im Griechiſchen zu den drei Lauten a, e, o als nachträgliche Entwickelung, bedingt durch mancherlei Einflüſſe, ſo auch Abſchleifung der Laute und dgl. m. recht gut begreifen; aber die durch das Germaniſche wie ein Nerv ſich durchziehende Erſcheinung des Ablauts muß als eine dem Kinde von der Mutter mitgegebene Anlage betrachtet werden. Ein Volk kann Laute entwickeln, die es in einer andern Heimath, durch klimatiſche und telluriſche Verhältniſſe bedingt, nicht entwickeln konnte, ohne daß es dadurch als autonom betrachtet zu werden braucht; allein ein Characterzug iſt von Haus aus einem Einzelindivi⸗ duum wie einem Volksindividuum innewohnend. Wir haben jetzt ein ſo eigenthümlich ſcheinendes Geſetz der Accentuierung in unſerer engeren deutſchen Heimath, daß es ohne die Geſchichte derſelben Sprache wie urſprünglich erſcheinen könnte, und dennoch iſt bis zur Gewißheit ſchon nachgewieſen, daß auch die frühere germaniſche Sprache andere Accentgeſetze, übereinſtimmend mit denen des älteſten Sanskrit, gehabt habe, (vgl. Holtzmann a. a. O., Grein a. a. O.), gleicherweiſe wie das Griechiſche in ſpäterer Entwickelung eine von der urſprünglichen abweichende Accentuierung einführte. Aber gerade dieſen Punct feſthaltend müſſen wir zu der Ueberzeugung kommen, daß der Ablaut im Germaniſchen als ein Characterzug betrachtet werden muß. Im Sanskrit ſelbſt ſehen wir bei den jüngeren Gebilden veränderten Accent, aber weder hier noch im Griechiſchen erſcheint ein die ganze Sprache durchzuckender Ablaut.
Es können nachträglich ſehr bedeutſame Entwickelungen eintreten, welche für die ganze Sprachent⸗ faltung als Geſetze erſcheinen, wie die Erſcheinung im Griechiſchen, welche nicht wie im Sanskrit den Auslaut des einen Wortes durch den Anlaut des folgenden modificiert, ſondern jedem Worte ſeine Selb⸗ ſtändigkeit dadurch läßt, daß nur Ausgang auf„, 0,„ möglich iſt; allein darin erweiſt ſich keine ſolche Eigenthümlichkeit in pſychologiſcher Beziehung wie bei dem deutſchen Ablaut, für deſſen Auffaſſung wir immer noch im Weſentlichen der Anſicht von Jacob Grimm beipflichten, wie ſehr auch dieſer ſelbſt ſeine urſprüngliche Meinung umänderte.
Eine andere Uranlage unſrer germaniſchen Sprache iſt das Ausbilden von nur zwei Zeitformen. Wäre eine prototypiſche Sprache unſerer Völkergruppe anzunehmen, ſo müſten ſich irgend wo wenn auch noch ſo ſpärliche Reſte weiterer Zeitbildungen aufweiſen laſſen. Davon keine Spur. Aber auch umgekehrt kann es nicht ſein, daß diejenigen Sprachen, welche größeren Reichthum hierin entfalten, wie vor allen Sanskrit und Griechiſch, erſt nachträglich nach der Völkertrennung die dem Germaniſchen abgehenden Bildungen zur Entwickelung gebracht hätten. Man halte uns nicht die im Germaniſchen(wie ja auch im Griechiſchen) geringere Entfaltung an Caſusformen entgegen. Allerdings modificiert auch dieſe Erſchei⸗ nung etwas die Anſicht von einer Urheimath, wo alle Völker wie Glieder einer Familie an einem Heerde gemeinſchaftliche Ausdrucksweiſe hatten; allein der jedenfalls auch uranfängliche Gebrauch von Präpoſitionen macht dieſe Armuth erklärlich. Man hat ſich daher wohl dieſe Urvölkerfamilie vorzuſtellen wie ein Haus, worin die einzelnen Glieder bis zu einem gewiſſen Alter gemeinſchaftliche Erziehung genoſſen, dann aber auseinander giengen, und jeder ſeine Liebhaberei verfolgte, ſo daß der Jäger im Gebirge Gurgeltöne, der Fiſcher die platte Ausſprache ſich angewöhnte; der älteſte Sohn, der, ſchon voller ausgebildet, den Herd verließ, eine gewandtere, der jüngſte, ohne vollendete Bildung entlaſſen, eine kärgere Ausdrucksweiſe und Sprache als Erbgut aufzuweiſen hätte. Doch hinkt bekanntlich jede Vergleichung, und es wird der Urzuſtand der fraglichen Völkergruppe nie genau ermittelt werden können. Um zu ſehen, wie ſchwankend es überhaupt um die Begriffe von der ſ. g. Urſprache, oder lieber von dem Urzuſtande der Sprache ſtehe, brauchen wir nur einen Sprachforſcher anzuführen. Man ſpricht von ſelbſtändigen Lautcomplexen wie


