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hohe Opfer, es wäre unaufrichtig, es nicht zu bekennen und unschön es nicht anerkennen zu wollen.
Ein solches Entgegenkommen der Gemeinde— denn die Stadt hat den Bau freiwillig geschaffen, nicht etwa ge- drängt durch die Regierung,— legt uns die Frage nahe, wozu dieser stolze Bau, was wollen wir damit?
Da könnten wir sagen, wir wollen darin lehren, denn darnach heissen wir Lehrer. Aber was lehren? Die vor- geschriebenen Lehrgegenstände! Die Antwort wäre ja sach- lich richtig, für den heutigen Tag aber doch gar haus- backen und nüchtern. Da hilft mir der Prolog, den wir soeben gehört haben, aus der Verlegenheit. Der gibt näm- lich auf diese Frage eine feindurchdachte Antwort, die im Vortrag der Frl. Nuss, unsrer früheren Schülerin, auch recht zur Geltung kam:
Den Geist der Wahrheit lasst erfassen Uns All, die sich dem Fest genaht, Es streu die Schul', die neu erstanden, Der Wahrheit hohe Frühlingssaat.
Der Wahrheit also soll dieser Schulbau dienen. Da erhebt sich ja freilich die alte Frage des Pilatus voll Pes- simismus und Resignation, die Frage: Was ist Wahrheit?
Was sie philosophisch ist, wage ich hier auch nicht ergründen zu wollen, wo wir sie aber suchen und in den engen Grenzen menschlicher Erkenntnis auch zu finden hoffen, das kann ich sagen.
Da ist das grosse Gebiet der Naturkenntnis, der Stolz unsrer Zeit, dann die Wahrheit und Erkenntnis, zu der man sich durchringt durch die Erfahrungen des vielgestal- teten Menschenlebens, mag es sich nun darstellen im Einzelleben oder im gesammelten Leben des Volkes, in der Geschichte der Nation. Ueber den Erkenntnissen der Na- tur und den Erfahrungen des Menschenlebens hinaus aber durch sie veranlasst, suchen wir, wie es im Prolog weiter heisst, dann„den Geist, der aus den ewigen Höhen das Dunkel irdischen Sinnes erhellt.“ So erhalten wir ein drittes Gebiet, aus dem die Wahrheit quillt, mehr geahnt als be- griffen, das Gottesreich.
Natur, Menschenleben und Gotteswort sind die drei grossen Quellgebiete, aus denen der Mensch die Wahrheit schöpft. Diesen drei Gebieten entsprechen bestimmte Wis- senschaften, die diese Gebiete durchforschen, die Wahr- heit zu ermitteln suchen, und deren gesicherte Ergebnisse, so- weit sie dem jugendlichen Geist fassbar sind, wir durch die Schule der heranwachsenden Generation zu übermitteln uns bemühen. Da haben wir also zuerst die Naturwis- senschaften, heute zu ungeahnter Blüte entfaltet. Sehen wir doch sogar, was den Dichtern alter Zeiten in schwel- gender Phantasie als zauberisches Gedankenbilde vorschwebte, verwirklicht: den Menschen die Luft durchsegeln. Vor dem Glanz der Naturwissenschaften verbleichen fast die anderen Wissenssphären, und in unserm Bau kommt das zur Geltung.
Sie haben gewiss alle in Gernsheim schon gehört, sich vielleicht auch selbst schon so gefragt: Ja warum ist denn der Bau so gross? Sind's doch, wie es in einem Fast- nachtsgedicht hiess,«noch keine 150⸗»— Schüler nämlich, und nur gering zunächst die Hoffnung, dass es zihrer mehr werden künftig«!
Nun, wenn Sie nachher das Gebäude durchwandern, werden sie finden, dass die Klassenzimmer im Neubau nicht viel grösser sind als im alten. Was so viel Raum bean- sprucht und den Bau so gross werden liess, das sind die Räume für die Naturwissenschaften: ein eigener Naturkunde-
saal mit gesondertem Sammlungszimmer, ein eigner Phy- sik-, ein eigner Chemiesaal, jeder mit einem Apparaten- zimmer und einem Sammlungszimmer, dazu noch ein Zim- mer für Schülerübungen, das mangels der Mittel noch nicht eingerichtet ist, das sind 9 gesonderte Räume für Naturwis- senschaften, der Löwenanteil der für die Inneneinrichtung vorgesehenen Summe entfiel ebenfalls hierauf.
Wenn ich mir aber sage, dass alle die grossen Ent- deckungen und technischen Errungenschaften, worauf wir mit Recht so stolz sind, ausgehen vom Experiment, und dass eben diese Errungenschaften auch der Jugend wieder übermittelt werden sollen, dann muss ich gestehen, dass diese Räume eben nötig sind. Unsere Schule ist hierin durchaus real, durchaus modern, und wenn wir so bauten, dass wir auch einer weiteren Entwicklung wohl weniger der Schülerzahl, als der Wissenschaften selbst und ihrer Bedürfnisse Rechnung trugen, so war das doch wohlbe- dacht, nicht unklug.
Zur Naturerkenntnis gehört auch das Verständnis für leibliche Wohlfahrt, für Körperpflege und Gesundheit, und hierfür ist ja die Gegenwart besonders besorgt. Der Uebung, Stärkung und Stählung des Körpers nun soll dieser Turn- saal dienen; im alten Gebäude hatten wir keinen; denken Sie sich ihn weg, so verliert das Gebäude wiederum viel von seiner Grösse. Wir wollen ihn aber nicht wegdenken, wir wissen, wie wichtig für die moderne zur Nervosität neigende Jugend körperliche Ausbildung ist; ohnehin ge- hört ja der Turnsaal mehr der Volksschule als uns, sie hat ja einige 20 Turnstunden, wir deren nur ô6, aber es freut mich, dass gerade die Volksschule an dem schönen Saal teil hat.
lch knüpfte diese Bemerkungen über die Grösse unseres Baues und die Art seiner Räume an die Erforschung und Beherrschung der Natur durch die Naturwissenschaften an.
Das Einzelleben wie das Völkerleben sind Gegenstand der Geschichte und der Sprachwissenschaften, nach dem Gottesreiche zielen besonders die religiös- sittlichen Bildungsstoffe. Diese Dreiteilung finden Sie nun auch in unserm Festprogramm. Als Leitlinie habe ich gewählt die Strophe:
Sie singen von Lenz und Liebe, Von sel'ger, goldner Zeit,
Von Freiheit, Männerwürde, Von Treu und Keiligkeit
aus Uhlands Gedicht: Des Sängers Fluch. Darnach sind die Gedichte und Gesangesstücke gruppiert. Lenz u. Liebe ist die erste Gruppe. Sie soll dem Naturreich und den Naturwissenschaften entsprechen. Wie so? Aus der Liebe sprosst das Leben, und im Lenz streuen wir den Samen für unsre Lebensmittel; Lenz und Liebe weisen auf die Bindung des Menschen an die Natur und die natürlichen Lebensbedingungen hin. Der Lenz eröffnet den Kreislauf des Jahres; das Jahr ist der Umlauf der Erde um die Sonne. Die Beobachtung des Umlaufs der Gestirne entwickelte schon bei den alten Babyloniern die astronomischen und mathematischen Wissenschaften. In Feldbau und Tierzucht liegen, zunächst in dichterischer Hülle wie in der Georgica des Virgil, die Anfänge der beschreibenden Naturwissen- schaften. So kann die erste Gruppe unsers Programms mit einiger Combinationsgabe auf das Naturreich und die Natur- wissenschaften bezogen werden.
An natürliche Bedingungen ist das Menschenleben ge- knüpft; sie muss der Mensch ausnützen, dazu ist Tätigkeit erforderlich. Diese Tätigkeit zu leisten, seine Kräfte zu ent- falten, braucht er einen gewissen Spielraum. Die Gewährung


