dieses Spielraumes nennen wir Freiheit. In der Arbeit und ihrem Erfolg erwacht das Bewusstsein der eigenen Kraft; das Streben, sich die Früchte der Arbeit zu sichern, drängt zur Wehrhaftigkeit, zur Mannhaftigkeit. So erhalten wir die natürlichen Tugenden der Freiheit u. Männerwürde. Und die Sagen, Lieder, Traditionen der Völker, wie Ge- schichte und Sprachwissenschaften sie uns über- liefern und erschliessen, handeln hauptsächlich, und je älter sie sind, um so ausschliesslicher, vom Ringen und Kämpfen um Freiheit und Männerwürde.
Mannhaftigkeit und Wehrhaftigkeit schützen das Eigentum vor offenen Angriffen von aussen, weniger vor heimtückisch im Innern lauernden Feinden; sicheren Schutz bietet hier die Gesinnung, welche die Rechte des Mitmenschen achtet und ehrt und diese Gesinnung in Gottes Gebot verankert: das ist Treu und Heiligkeit, wie sie vor allem die religiös-sittlichen Stoffe des Schul- und Reli- gionsunterrichtes bieten, die den Willen binden und die Gesinnung heiligen.
Diesen drei grossen Erkenntnisgebieten: Naturreich, Menschenleben, Gottesreich, und den Wissenschaften, die an ihrer Erforschung und Gestaltung tätig sind, und den Kräften, die als reale Machtfaktoren wie Lenz und Liebe, oder als ideale Segensmächte hierbei mitwirken, wie Frei- heit, Männerwürde, Treu und Ffeiligkeit, entsprechen nun auch bestimmte soziale Verbände, die den Menschen in diesen Gebieten zum Menschen reihen und die Erfüllung seiner natürlichen Lebensbedürfnisse, wie seiner geistig-sitt- lichen Aufgaben erleichtern. Da war in grauer Vorzeit— aber in Kolonialgebieten wiederholt sich es, und in der Geschichte des Johannishofes bei Gernsheim haben wir eine naheliegende Veranschaulichung hierfür— eine Familie, die der Lenz veranlasste, das nahrungsspendende Brotkorn dem Boden anzuvertrauen; die Ernte abzuwarten, bauten sie sich an; die Familie erweiterte sich zu mehreren; sie bildeten allmählich eine Gemeinde; der Boden, den sie der Wildnis abgerungen, gab Gemeindeland, Almende, Gemarkung. Lenz und Liebe schaffen Familie und Gemeinde.
In unsern Gedichten bricht in einem die Hoffnung durch auf die siegende Gewalt des Frühlings, die alle Wider- stände des Winters überwindet. Die Analogie mit dem Zu- standekommen unsers Realschulneubaues, dessen Uebernahme ja jetzt im Schimmer des Frühlings stattfindet, liegt nahe.
Die Liebe, welche die Familie begründet, tritt in dem andern Gedicht in einer Schulfeier natürlich zurück hinter derjenigen, die sie erhält und im Unglück tröstet.
An die eine Gemeinde reihen sich andere; die verschie- denen Gemeinden, sich verwandt fühlend durch gemein- same Abstammung und gleiche Sprache, bilden einen Stamm, ein Volk; der Boden, den sie bewohnen, ist ihr Vaterland. Die Volksgenossen verlangen Sicherung des Erwerbs und des Eigentums. dazu nicht aus, sie würde sich zersplittern, sie muss ge- sammelt werden. Die Sammlung übernimmt eine machtvolle Organisation, die wir Staat nennen; der Staat ist die kraft- vollste Organisation zur Sammlung der Volkskräfte für Frei- heit und Männerwürde. Die Entfaltung des Mannesmutes im Kampf für Freiheit und Selbstständigkeit ist der Haupt- inhalt jeder nationalen Geschichte; der Staat erst macht die Völker geschichtlich.
Wir wählten ein Gedicht aus der deutschen Heldensage; der tapfere Fiedler oder Geiger Volker von Alzey hielt Wache zum Schutze der Nibelungen vorm nächtlichen Ueber- fall der Hunnen. Doch sieht er voraus, dass sie alle unter-
Die Mannhaftigkeit des einzelnen reicht
gehen und der Uebermacht erliegen werden. Er gedenkt seiner tatenfronen jJugendzeit, seiner Feimat.
Ein anderes Gedicht versetzt uns in die Zeit der deut- schen Freiheitskämpfe gegen die UIngarn. König Heinrich berichtet, was er zur Wehrhaftmachung des Landes getan hat, und dass er jetzt die Befreiung von der schimpflichen Untertänigkeit erhoffe.
Das letzte, in der Reihenfolge der Deklamationen das erste, ist der jüngsten Gegenwart entnommen; die Mannschaft vom Iltis, vom Sturm umtost, geht unter ohne Klagen, ohne Schluchzen, mit einem Hoch auf den Kaiser. So veran- schaulicht diese Gruppe Freiheit und Männerwürde im Dienste von Volk und Vaterland.
An der Erziehung zur Treu und Heiligkeit sind Familie, Gemeinde und Staat beteiligt, ihre tiefere Begründung aber, ihre feste Verankerung übernimmt eine eigene Organisation, die Kirche, unermüdlich tätig, den Menschen mahnend, warnend, ermunternd hinzuleiten zu Treu und Heiligkeit.
Wie in Treue gegen Tron und Altar eine Volksgruppe untergeht, die in der franzõsischen Revolution auf ein Schiff geflüchtet ist, um dort dem Gottesdienst der Väter treu zu bleiben, zeigt das Gedicht die Bretagne; höchste Erhaben- heit, Heiligkeit und religiöse Weihe atmet Klopstocks Psalm; die feierliche Stimmung, die er wachruft, klingt im anbe- tungsvollen Schlussgesang aus.
So leitet unsere Dreiteilung Lenz und Liebe, Freiheit und Manneswürde, Treu und Heiligkeit uns auch zu den grossen sozialen Verbänden Familie und Gemeinde, Volk und Vaterland, Staat und Kirche. Dienerin dieser Ver- bände ist die Schule. Sie übernimmt damit eine Doppel- aufgabe: den Schüler auszubilden zur Persönlichkeit und zugleich hineinzubilden in die Gesellschaft. In letzterer Hinsicht dient sie zugleich der ständigen Erneuerung des Gesellschaftskörpers; wie das Hferz den Gliedern des Leibes frisches Blut zuführt, so die Schule den einzelnen Gesell- schaftsschichten. Dieser Funktion der Schule nachzugehen, wird einmal eine der interessantesten Aufgaben sein einer Art sozialen Schulstatistik.
Wissen Sie z. B., verehrte Anwesende und insbesondere Sie von Gernsheim, wie viel Lehrer durch die hiesige Real- schule aus der Gemeinde Gernsheim hervorgegangen sind? Nicht weniger als 20 Gernsheimer sind durch unsere Schule dem hessischen Lehrerstand zugeführt worden, eben so viele aus dem Ried; über 40. Lehrer gingen also aus unsrer Schule hervor. Fügen Sie nun die hinzu, welche im Post- und Eisenbahndienst, im kaufmänn. Gewerbe Unterkunft fanden, dann erkennen Sie die soziale Funktion einer höheren Schule.
Nun weiss ich wohl, dass unsere ländlichen Realschulen; durch die starke Erhöhung des Schulgeldes und durch die Ueberfüllung der gebildeten Berufe vor einer Krisis stehen. lch denke, diese wird auch überwunden werden, vielleicht hat sie auch das Gute, dass junge Leute mit Einjährigen- Berechtigung sich mehr dem Gewerbestande und der Land- wirtschaft zuwenden, die ja beide durch gesetzgeberische Massnahmen wieder im Aufsteigen begriffen sind und in ihren Berufsgenossen ein wachsendes Bewusstsein ihres Wertes entwickeln. Einige unserer Schüler, die unsere Schule mit Berechtigungen verliessen, zählen wir ja in der Landwirtschaft und im Handwerk, und sie sind tüchtige Männer.
So fruchtbar erwies sich uns diese Dreiteilung. Und wie kam ich darauf? Als ich in jüngeren Jahren in Dieburg in der oberen Klasse den Unterricht im Deutschen hatte, machte ich auch Versuche in Litteraturgeschichte. So schön reden


