Jahrgang 
1912
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Die Einweihungsfeier der neuen Realschule zu Gernsheim Mittwoch, den 26. April 1911.

A. Die Geschichte des Neubaues.*)

Die hiesige Realschule war im Gebäude der früheren höheren Bürgerschule untergebracht, das 1883/84 aufge- führt worden war; die Zimmer der Wohnung des früheren Rektors fanden hierbei als Klassenzimmer Verwendung.

In einer Eingabe vom 26. April 1809 an die Bürger- meisterei der Stadt Gernsheim klagt schon der erste Direktor der Realschule, Dr. Lahm, über die Unzulänglichkeit der Räume. Es fehlten ein Turnsaal, ein Zeichensaal, ein grösseres Zimmer für den Gesangunterricht und ein Auf- enthaltsraum für den Schuldiener; in einzelnen Stunden musste das ohnehin enge Lehrerzimmer für den Unterricht in Anspruch genommen werden, und die Bibliothek war so untergebracht, dass niemand eine Verantwortung für ihre Bestände übernehmen konnte.

Diese und andere Missstände legte auch Herr Direktor Dr. Ijhm in einem Bericht an die Bürgermeisterei vom 7. Mai 1906 ausführlich dar, daraufhin stellte Herr Bürger- meister Nuss am 11. Mai eine Besichtigung des Gebäudes während der Unterrichtszeit durch den Gemeinderat in Aussicht.

Noch von einer anderen Richtung her und vielleicht viel ausschlaggebender wurde ein Neubau nahe gelegt. Neue Volksschulklassen mussten errichtet werden, und es fehlte eine Unterkunft für sie. So reifte der Gedanke, eine neue Realschule zu bauen und die alte für vier Volksschulklassen zweckentsprechend umzugestalten und zu benützen. Em- pfahl sich doch die Lage des alten Realschulgebäudes hierfür aus verschiedenen Gründen.

Für den Neubau aber hatte man bereits einen passenden Platz bereit; er umfasste 2887 qm, lag in Flur XIV/7˙3G%,, im Galgenfeld links der Frankfurter Strasse, war am 5. Mai 1897 vom Grossh. Haus- und Familieneigentum zum Preis von 46190 20 von der Stadt käuflich erworben und von kierrn Bürgermeister Nuss für Gemeindezwecke reserviert worden.

So stand die Sache, als der Unterzeichnete Ostern 1907 als Direktor an die Realschule zu Gernsheim berufen wurde. Und es fiel ihm schwer aufs Herz, als er gleich bei seiner Einführung von dem geplanten Realschulbau hörte. Neu- ling im Amt und ein neuer Schulbau, das schien ihm etwas viel auf einmal. Aber was war zu machen, wer a sagt, muss auch b sagen!

Im Vertrauen auf die bereitwillige Mithilfe des Lehrer- kollegiums, die auch nie versagte, wurde an die Vorar- beiten herangetreten. In einer Sitzung des Lehrerrates vom 4. juli 1907 wurde eine Uebersicht über die voraussichtlich notwendigen Räume vorgelegt und im einzelnen besprochen. Auf Grund dieser Besprechung wurde ein erster Entwurf über Zahl, Art und Grösse der erforderlichen Schulräume dem Stadtvorstand am 10. Juli eingereicht.

Nach Beschluss des Stadtrates vom 24. Oktober 1907 sollte für Pläne zum Realschulneubau ein öffentlicher Wettbewerb ausgeschrieben werden, man kam jedoch hier- von ab und übertrug dem Kreis-Bauinspektor des Kreises Gross-Gerau, Hferrn Baurat Plitt, die Aufstellung eines Planes und einer Kostenberechnung, diese Berechnung über- traf allerdings die seitherige Annahme eines Kostenbedarfes

*) Soweit aus den Akten der Realschuldirektion ersichtlich.

von 100 120 000 beträchtlich und rief eine gewisse Bestürzung hervor.

In der Gemeinderatssitzung vom 21. Mai 1908 wurde der anwesende Direktor ersucht, zu prüfen, ob die von ihm vorgesehenen Räumlichkeiten nicht vielfach zu gross angenommen seien.

In einer Lehrerkonferenz vom 23. Mai wurde diese Frage erörtert und eine möglichste Reduzierung der Masse für die einzelnen Schulräume vorgenommen, so dass sich die Baufläche um etwa 140 qm verringerte, dabei aber doch ein Naturkundesaal hinzugefügt, der bei der ersten Beratung übersehen worden war.

Dieser neue Entwurf wurde am 25. Mai Grossherzog- licher Bürgermeisterei vorgelegt.

Darnach wurden von der Grossherzogl. Kreis-Bauin- spektion Gross-Gerau die Grundrisse geändert und die Er- sparniss an der zu bebauenden Fläche berechnet. Nach dieser Berechnung sollten sich die Kosten einschliesslich der Turnhalle, die auch der Volksschule zur Verfügung stehen sollte, auf 145 580, belaufen. Hierzu kämen noch die Kosten für die Zentralheizung mit 8000, die Abortanlagen 4000, Einfriedigung 2000 ℳ⸗, Herstellung des Hofes 1000, so dass die gesamte Summe sich etwa auf 165 000 stellen sollte.

Die neuen Grundrisse wurden der Direktion am 11. August übermittelt und am 14. August dem Lehrerrate vorgelegt und besprochen. Der Naturkundesaal wurde 50 dqm gross gewünscht und zum Turnsaal ein Geräte- und

ein Ankleideraum, im übrigen wurde der Bauplan für

zweckentsprechend erachtet..

Der Tag nach Grossherzogs Geburtstag 1908 war für die Stadt Gernsheim und unsere Schule besonders bedeu- tungsvoll: Donnerstag, den 26. November 1908, bewilligte der Stadtrat zu Gernsheim mit allen gegen eine Stimme 170 000 Mark zum Neubau einer Realschule. Das Ge- bäude solle so ausgeführt werden, dass es auch Raum biete für die Entwickelung zu einer Oberrealschule.

Die Zuschrift, womit die Bürgermeisterei Gernsheim der Direktion von diesem wichtigen Beschluss Kenntnis gab, möge seiner Bedeutung wegen hier wörtlich folgen.

Gernsheim, den 1. Dezember 1908. Betr.: Neubau eines Realschulgebäudes zu Gernsheim Grossh. Bürgermeisterei der Stadt Gernsheim an

Grossh. Direktion der Realschule zu Gernsheim. Andurch teilen wir Ihnen ergebenst mit, dass unser Ge- meinderat die Summe von 170 000 Mk. für den Bau ein- schliesslich Schuldienerwohnung zur Verfügung gestellt und dem Herrn Baurat Plitt in Gross-Gerau die Ausarbeitung

der Pläne etc. und die Bauausführung übertragen hat.

Hierzu ist ausdrücklich die Bedingung gestellt worden, dass der Bau ausreichende Räumlichkeiten für eine Ober-

realschule enthalten muss, so dass später keine An- oder

Nebenbauten notwendig werden.

In Anbetracht der grossen Wichtigkeit der Sache halten wir es für angebracht und notwendig, dass die Pläne in ihren Einzelheiten von Ihnen noch, einmal durchgeprüft werden, um so mehr, als an den früheren Plänen ein- schneidende Aenderungen vorgenommen worden sind. Die von Ihnen zuletzt formulierten Vorschläge sind hierbei