Jahrgang 
1927
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Nach dem amtlichen Lehrplan aus dem Jahre 1812 umfaßte die Bürgerschule 6 Jahre, die Realschule 2 Jahre. Die Lehrgegenstände an der Realschule waren Deutsch, Französisch, Geschichte, Erdkunde, Naturkunde, Menschenkunde, Mathematik, deutsches und französisches Schönschreiben, Zeichnen. An der Spitze der beiden Schulen stand ein Direk- lor, der zugleich die innere Leitung des ganzen Frankfurter katholischen Schulwesens hatte.

Diese neue Um-Organisation der beiden katholischen höheren Schulen, mit der die katholischen Eltern der Mehrzahl. nicht einverstanden waren, das Auseinanderreißen der bisher auf dem Fridericianum gemeinsam erzogenen katholi- schen Schüler, deren größte Zahl nicht zur Realschule, sondern zum paritätischen Gymnasium überging, sowie die Vernichtung der französischen Herrschaft in Deutschland im folgenden Jahre 1813, die auch das Ende der fürstl. primatischen Zeit Frankfurts bedeutete und die sich hieraus ergebenden finanziellen Schwierigkeiten erschütterten das katholische Schulwesen Frankfurts, insbesondere den Bestand der katholischen Realschule, deren Schülerzahl im- mer kleiner wurde, aufs ernstlichste. Und als gar am 1. August 1814 der Direktor der Realschule, Professor Schen- zer, starb, wurden die beiden Realschulklassen der alten Domstiftsschule, geschlossen, jedoch gingen Lehrplan, Lehr- körper und höheres Schulgeld über auf das 5. und 6. Schuljahr der Dom-Bürgerschule, die infolgedessen in der 5. und 6. Klasse nur von den wohlhabenden Bürgerskindern besucht werden konnte.

Die Folge war eine Ueberfüllung der vier ersten Klassen, und so mußte man sofort wieder an eine Erweiterung der Domschule herantreten:

Das geschah schon 2 Monate nach der Zusammenlegung:

Mit Zustimmung der Oberschulbehörde bildete man für wohlhabendere Eltern eine besondere Elementar-Klasse für das 3. und 4. Schuljahr, in der das hohe Schulgeld von 40 fl. zu bezahlen war.

Diese Elementar-Klasse, die im Unterrichtslokal der Realschule eröffnet wurde, erhielt den-Namen: Selektenklasse, da aus der bisher für das 3. und 4. Schuljahr bestehenden Klasse die weiterstrebenden und zahlungsfähigen Schüler zur Begründung der neuen Klasse ausgewählt worden waren.

Auf diese Selektenklasse des 3. und 4. Schuljahres der Domstiftsschule setzte man 1815 und 1816 das 5. und 6. Schuljahr mit dem däurch Latein noch erweiterten Lehrplan der alten Realschule, um die Schüler sowohl für das prak- tische Leben, besonders den Kaufmannsstand, als auch für die höheren Klassen des Gymnasiums reif zu machen.

So stand die ehemalige Domstiftsschule in ihren alten zwei Richtungen wieder da:

1. eine Volksschule mit dem 1.6. Schuljahr, die heute den Namen Domschule führt,

2. der alte, neu aufblühende Zweig, der ihre fähigen Schüler höherer Bildung zuführte.

Die Benennung dieser beiden Schulen war damals nicht einheitlich: Man nannte sie, da sie im ehemaligen Domi- nikanerkloster eine Unterkunft gefunden hatten,Schulen bei den Dominikanern oderDomschulen oderPfarr- schulen. Allmählich aber blieb der Volksschule der NamenDomschule, den sie noch heute hat; bei dem neuen- alten Zweige übertrug sich zum Unterschied der zunächst ganz vereinzelt gebrauchte Name Selektenklasse auf den ganzen, wieder neu emporwachsenden Zug, und so entsteht allmählich für den höheren Zweig der heutige Name Selektenschule.

Bis zum Jahre 1866 bleiben die Selektenschule und das Städtische Gymnasium die beiden einzigen höheren städti- schen Schulen der Freien Reichsstadt Frankfurt a. M. Das Verzeichnis der Schüler unserer Anstalt von 17831883, das im Jahresbericht 1927 erscheinen soll, zeigt, wie tief unsere, allen Konfessionen offen stehende Schule in der Frankfurter Bürgerschaft wurzelte.

Das 19. Jahrhundert brachte die Formung der heutigen höheren Schule, und so ist es auch für alle an der Selekten- schule interessierten Kreise das harte aufopferungsvolle Ringen um die neue Porm, um die Anpassung an die höhere Schule Deutschlands, das zu einem vorläufigen Abschluß gekommen ist durch den Vertrag zwischen Stadt und katholischer Gemeinde vom Jahre 1919, demzufolge die Schule in den Jahren 1919 1925 zum Reform-Progymnasium mit eng- lischem Ersatzunterricht ausgebaut wurde. Unter dem 4. Mai 1925 wurde sie von dem Minister für Kunst, Wissenschatft und Volksbildung als solches anerkannt.

. Mit heißem Dank gegen Gott schauen wir heute zurück auf die reiche und bewegte Vergangenheit unserer Schule; in Ehrfurcht gedenken wir all der Männer, die in mehr als 1000 Jahren ihre Kraft in den Dienst des Unterrichts der Jugend gestellt haben. Zahllose Frankfurter Geschlechter sind durch unsere Schule gegangen und danken einem großen Teil ihrer geistigen und seelischen Formung unserer Anstalt. Reicher Segen ging so aus ihr für unsere Vaterstadt hervor.

Je älter aber die Vergangenheit und Geschichte einer Schule, um so schwerer die Verantwortung für die lebende Generation, sich der Vergangenheit würdig zu erweisen.

Eine besonders ernste Pflicht aber wollen wir heute erfüllen: Die Pflicht der Dankbarkeit gegenüber unsern im Weltkriege gefallenen ehemaligen Schülern. Schon seit Jahren gedachten wir dieser Abtragung unserer Dankesschuld; und einzig der Wunsch, die Namen unserer Toten in einer würdigen und künstlerisch reifen Form zu ehren und der Nachwelt zu überliefern, hat uns bis heute in Geduld warten lassen. Die Gedenktafel ist im neuen Musik- und Vor- tragssaal angebracht, der alltäglich von allen Klassen benutzt wird, an dem wir unsere zahlreichen und regelmäßigen Schulgemeinden zur Pflege des Gemeinschaftsgeistes halten, in dem unsere Elternabende und Fortbildungskurse statt- finden, in dem wir unsere Eltern, Freunde und ehemaligen Schüler zu Vorträgen versammeln: also an einer Stelle, wo ernste Arbeit, ununterbrochene Arbeit der kleinen und großen Schulfamilie stattfindet.

Ort und Form unserer Heldenehrung sind das Ergebnis eingehender Beratungen der hierfür maßgeblichen Stel- len und Männer, die sich vor eine Aufgabe gestellt sahen, deren Lösung unter unseren schwierigen Raumverhältnissen nicht einfach war. Daß trotz der großen Schwierigkeiten eine so würdige und künstlerisch einwandfreie Lösung gefun- den wurde, ist das Verdienst von Stadtrat May, Architekt Meyer und Bildhauer R. Scheibe, die in harmonischer Zu-

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