Bücher mußten die größten Anforderungen an das Gedächtnis gestellt werden.„Es begegnen uns daher in diesen Zeiten häufig Männer mit ganz außerordentlicher Gedächtnisstärke, ja schon mancher Schulknabe brachte es dahin, daß er sofort auswendig behielt, was er nur ein einziges Mal aufmerksam gelesen hatte.“
Der Elementarunterricht des ganzen frühen Mittelalters umfaßte nach den bereits erwähnten Vorschriften der Aachener Synode 789: die Psalmen, die Schriftzeichen, den Kirchengesang, die Berechnung der kirchlichen Feste und die lateinische Grammatik. Eine besondere Pflege genoß das Latein, und schon die ganz kleinen Knaben wurden in den Anfangsgründen unterwiesen. Vokabeln mußten nebenbei fleißig studiert werden, damit die Schüler rasch be- fähigt wurden, statt der Muttersprache die lateinische Sprache zu gebrauchen. Wir haben aus dieser Frühzeit noch zahlreiche lateinische Sprachführer für den täglichen Gebrauch der Schüler.
War diese elementare Ausbildung beendet, so folgte der höhere gymnasiale Unterricht: das Studium der sieben freien Künste, das acht Jahre hindurch den größten Fleiß und die vollste Aufmerksamkeit der lernbegierigen Jugend beanspruchte. Das höhere Studium umfaßte wieder zwei Zeitabschnitte: das Trivium und das Quadrivium.
Im Trivium wurden die drei sprachlichen Fächer gelehrt: lateinische Grammatik und Lektüre der lateinischen Schriftsteller, Rethorik, die Kunst des Vortrags und Stiles, und Dialektik, logische Denkübungen und Disputieren; in dem darauf folgenden, weit schwierigeren Ouadrivium wurden die vier mathematischen Disziplinen gelehrt: Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik. Ein Lehrer des 8. Jahrhunderts schreibt einmal, daß ihm schon bei dem Gedan- ken an das Quadrivium der Hals zugeschnürt werde und der ganze Unterricht im Trivium als ein wahres Kinderspiel dagegen erscheine. Nur die begabtesten Schüler konnten alle Gegenstände des Quadriviums studieren.
Die Leitung des gesamten Unterrichts der Stiftsschule hatte stets ein Kanoniker, der nach den Vorschriften der Aachener Statuten vom Jahre 817 ein„Jehrfähiger und vollkommen erprobter Mann“ sein mußte.
In der älteren Zeit des 8. und 9. Jahrhunderts nannte man den Leiter magister scholarum oder archimagister. Seit dem 10. Jahrhundert finden wir immer häufiger den Titel: scholasticus. Die Stellung des Scholasters, der ursprünglich keinen besonderen Vorrang vor den übrigen Kanonikern hatte, hob sich mit der steigenden Kultur immer mehr: Seit dem 12. Jahrhundert gehört der Leiter der Stiftsschule zu den Hauptwürdenträgern des Stiftes und nimmt seinen Rang unmittelbar nach dem Probst und Dechant ein. Er stellte die Lehrer an und entließ sie, er nahm die Schüler auf, er schrieb den Lehrplan vor, er visitierte die Schulen, hielt Prüfungen ab und erteilte das Zeugnis der Reife. Ja, der Scho- laster der Domschule hatte die Oberaufsicht über die andern Stiftsschulen der Stadt.
Bei der nun bedeutsamen Stellung des Scholasters ist es daher nicht verwunderlich, wenn Stellung und Namen nunmehr in wichtigen Urkunden auftreten. Den Namen des Scholasters unserer Frankfurter Domstiftsschule finden wir zum ersten Male in einer Urkunde vom Jahre 1215. Seitdem kennen wir aus den Urkunden ihre Namen bis zu der im Jahre 1803 erfolgten Auflösung des Stiftes: Es sind ihrer gerade 50.
War der innere Schulbetrieb der Stiftsschule in seinen Hauptlinien durch Jahrhunderte alte kirchliche Tradi- tion festgelegt und hatte an erster Stelle die Ausbildung tüchtiger Geistlichen zum Zweck, so öffneten sie mit dem steigendem Bildungsbedürfnis weiter Kreise, insbesondere des erstarkenden Bürgertums, auch immer mehr im fort- schreitenden Mittelalter ihre Tore weit allen Bildungsbeflissenen. Und die wenigen urkundlich bisher bekannten Er- eignisse aus dem öffentlichen Auftreten der Domstiftsschule zeigen, daß einmal reges, fast modernes Leben in ihr herrschte, sodann daß sie von großer Bedeutung für die Frankfurter Bevölkerung war.
Der Hauptlehrer Enolph, gleichzeitig Vikar am St. Bartholomäusstift, führte mit seinen Schülern und hinzugezogenen Erwachsenen(insgesamt 200 Personen) im Jahre 1467 das Leiden Christi auf. Und der Hauptlehrer Jos. Bach, gleichfalls Vikar am Dom, führte in gleicher Weise 1468 das Spiel vom Antichrist mit mehr als 265 Personen auf, und im Jahre 1498 wieder das Leiden Christi.
Die Beschaffenheit des älteren der beiden Frankfurter Passionsmanuskripte zeigt uns, daß derartige große, oft zweitätige dramatische Aufführungen bereits um die Mitte des 14. Jahrhunderts stattfanden.
Eine einschneidende Aenderung im Wesen der Schule brachte das Jahr 1477: der Kurfürst und Erzbischof von Mainz, Diether von Isenburg, hafte die Universität Mainz gestiftet und verlegte das höhere geistliche Studium der zukünftigen Stiftsherrn dorthin; in Frankfurt plieb nur die Vorbereitung: die Stiftsschule behielt allerdings ihren Dop- pelcharakter: sie war einmal Trivialschule, Lateinschule, für den jungen Nachwuchs des Stiftes und seine erste Vor- bereitung auf den späteren geistlichen Beruf, daneben aber in stets steigendem Maße die„Kinderschule“, d. h. Volks- schule für die Kinder der Stadt.
Obwohl in Frankfurt drei Stiftsschulen bestanden,— inzwischen waren noch die von Liebfrauen und St. Leonhard dazu gekommen,— war jede derselben gut besucht. Im Jahre 1478 betrug die Zahl der Domstiftsschüler 136.
Daß die Stiftsschulen in zufriedenstellender Weise die Erwartungen der freien Reichsstadt befriedigten, können wir daraus schließen, daß hier keine Stadtschulen entstanden, wie dies seit Anfang des 13. Jahrhunderts in zahl- reichen Städten Deutschlands der Fall war, so in Gent, Bern, Worms, Wismar, Lübeck, Breslau, Greifswalde, Kiel, Hannover, Leipzig, Braunschweig.
Eine Aenderung in den Stiftsschulen Frankfurts trat ein, als die Reformation sich auch in Frankfurt ausbreitete: Es entstand die erste Schule neben den 3 Stiftsschulen im Jahre 1521, die unter Wilh. Nesen aus Nastätten stand: Seine Schule war zunächst eine Privatanstalt, zu deren Existenz indes der Rat jährlich 50 fl. beisteuerte und die an- fangs nur von den Söhnen der Patrizier Holzhausen, Glauburg, Fürstenberg, Stallburg, Neuhaus u. a., die Nesen berufen hatten, besucht wurde: Es ist der Anfang des Goethe-Gymnasiums.
Bald nachher entstanden hier auch die deutschen Schreib- und Leseschulen im Gegensatz zu den lateinischen Stiftsschulen. 1
Begreiflicher Weise schmolz die Schülerzahl der Stiftsschulen in diesen Zeiten mit der Abnahme der Zahl der Katholiken stark zusammen. Und als im Jahre 1533 der Rat den Stiftsgeistlichen das Lesen der Messe verbot und den
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