mann, die mit der Selektenschule unter einem Dache wohnt, überbrachte Glückwünsche und empfahl auch seine Schule dem Wohlwollen des Hochbauamtes und der Stadtverwaltung. Msgr. Stadtpfarrer Dr. Herr legte kurz die er- zieherische und kirchliche Idee der Feier dar und erklärte es für wünschenswert, die Konfessionsschule auch im höheren Schulwesen durchzusetzen. Der städtische Schuldezernent Stadtrat Meckbach hatte ein Glückwunschschrei- ben gesandt, das Dr. Breuer verlas. Ein Schülerchor und orchester, unter Leitung des Lehrers Maas, sorgte für eine passende musikalische Umrahmung. Drei Untersekundaner trugen mit gutem Ausdruck Dichtungen von Fr. W. Weber, Heinrich Lersch und Karl Bröger vor.
An die Feier schloß sich ein Rundgang durch die Schule, bei dem die vorbildlichen Räume für den Werkunterricht besonders auffielen. Ausstellungen der im Laufe des Schuljahres angefertigten Gegenstände lieferten den Beweis, daß in diesen Werkstätten auch tüchtig gearbeitet wird. Physik- und Chemiesaal sind zweckmäßig umgebaut worden, sämtliche Klassenräume sind mit Projektionsvorrichtung versehen. Viel Beifall fand der auf dem Dachboden einge- baute Musik- und Vortragssaal, bei dem das Hochbauamt aus der Not eine wirkliche Tugend zu machen wußte und einen schönen, geschmackvollen Raum geschaffen hat, der namentlich auch durch seine künstlichen Lichtquellen ein vornehmes Gepräge erhält. In diesem Raum ist auch die Gefallenen-Gedenktafel, ein Werk des Bildhauers Richard Scheibe, angebracht worden. Es ist eine große runde Bronze-Reliefplakette, auf der die Namen von 47 Gefallenen ver- zeichnet sind; im Mittelpunkt der Tafel sieht man Sankt Georg zu Pferde, der über einen Drachen reitet und sein ek- statisch-hoffnungsvolles Antlitz dem Lichte zukehrt.
Festrede des Direktors.
Hochansehnliche Festversammlung!
Mit aufrichtigem Dank für Ihr so überaus zahlreiches Erscheinen heiße ich Sie im Namen der Schule herzlichst willkommen!
Die heutige Feierstunde ist dreifachem Gedenken geweiht: Die Selektenschule, die mit der Domschule aus der Stiftsschule des St. Bartholomäusstiftes am Dom hervorgegangen ist, feiert das 1050 jährige Geburtsfest dieser Stifts- schule,— sie ehrt in dieser Weihestunde ihre im Weltkriege gefallenen ehemaligen Schüler,— sie zieht endlich in neue Unterrichträume ein: Nur scheinbar drei auseinanderstrebende, zusammenhanglose Ereignisse; in ihrer inneren Bedeu- tung und Wesenhaftigkeit in innigstem Zusammenhange stehend und drei ragende Marksteine einer gradlinigen Ent- wicklung unserer alten Schule verkündend: Auf diesen Marksteinen stehen in weithin leuchtenden Buchstaben mahnend drei Worte: Arbeit! Opfer! Streben! Staunend, zögernd, zweifelnd horcht man in unserer schnellebigen, so leicht ver- gessenden Zeit auf, wenn man vernimmt, daß eine Schule auf eine 1050 jährige Vergangenheit zurückschaut.
Die Selektenschule mußte in den 20 letzten Jahren des 19. Jahrhunderts und in den 20 ersten Jahren des 20. Jahr- hunderts 40 lange Jahre erzwungener Weise hart um ihre Existenz kämpfen und blieb dem Gesichtsfeld der großen Oeffentlichkeit fast verborgen, da man sie im Jahre 1883 aus einem staatlich anerkannten Progymnasium zu einem arm- seligen Torso gemacht hatte. Diese vierzig, für unsere Schule so bitteren Jahre waren aber für unsere Vaterstadt ge- rade eine Zeit herrlichster Entfaltung eines blühenden vielgestaltigen Schulwesens, insbesondere auf dem Gebiete der höheren Schulen. Und da nun die Selektenschule seit 1920 in neuer Gestaltung Licht und Luft heischt zu weiterer Entwicklung innerhalb des höheren Schulwesens unserer Vaterstadt, ist es nicht verwunderlich, daß unsere reiche Schulgeschichte, die ein wichtiges Stück Heimatgeschichte ist, erst wieder allmählich das Fremdartige verliert, das dem Unbekannten eigen ist.
Sie werden es daher begreiflich finden und erwarten, daß ich bei dieser seltenen und festlichen Gelegenheit zu- nächst von dem hohen Alter der Domstiftsschule und der Entwicklung der Selektenschule aus der Domstiftschule spreche.
Die heutige Selektenschule ist ebenso wie die heutige Domschule die moderne Weiterentwicklung der uralten Schule des Bartholomäusstiftes, von der C. M. Kaufmann in seiner Geschichte des Kaiserdomes mit vollem Rechte sagt:„Die Geschichte dieser illustren Schule geht auf die Wirksamkeit jener Ordensmänner zurück, denen die Seelsorge der alten Salvatorkirche anvertraut war, und was diese Jahrhunderte hindurch den Kern der Frankfurter Bürgerschaft er- ziehende Anstalt geleistet hat, das verdiente mit goldenen Lettern in den Annalen der alten Kaiserstadt eingetragen zu sein.“
Die Gründung der Schule geht zurück auf die im 9. Jahrhundert durch den Enkel Karls des Großen, Ludwig den Deutschen, erfolgte Stiftsgründung.
Wir haben bis jetzt noch keine Urkunde, in der die Gründung unserer Stiftsschule ausdrücklich erwähnt, und keine Urkunde, in der uns aus ihrem Leben im 9. bis 12. Jahrhundert erzählt wird. Da aber mit einem Stifte zur Sicherung des Nachwuchses der Stiftsherren immer eine Stiftsschule verbunden war, so ist das Gründungsjahr des Stiftes auch dasjenige seiner Schule.
Um die Gründung der Schule im 9. Jahrhundert, sowie ihr Bestehen und ihren Unterricht im 9. bis 12. Jahr- hundert zu beweisen, müssen wir daher in Kürze die frühmittelalterlichen Verhältnisse im Schulwesen Deutschlands uns klar machen.
Schon vom 5. bis 7. Jahrhundert brachten irische, schottische und angelsächsische Mönche aus ihren heimischen Klöstern, in denen die Pflege der Wissenschaften in höchster Blüte stand, unsern germanischen Vorfahren: den Frie- sen, Sachsen, Alemannen und Bayern das Christentum und mit ihm lebendiges geistiges Leben.
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