20
sammen..... Besonders einige Eigenschaften lassen Ihren verstorbenen Sohn als Muster eines jungen Offiziers erkennen. Zunächst seine pünktliche Erfüllung der Dienstpflicht. Vom Marsche ermüdet in den heißen Tagen, hatte er nur Gelegenheit, cinige Stunden am Nachmittage zu ruhen. Am Abende rief ihn die Pflicht zur Nachr- wache auf dem Felde. Ich bewunderte, mit welcher Frische und Munterkeit er sofort seinen Posten bezog. Noch glaube ich ihn zu sehen, wie er bescheiden in der Küche von meinen Schwestern eine kleine Stärkung für die Nacht erbat... Rühmend muß ich auch seine Mäßigkeit hervorheben... Dazu eine ungezwungene, von Herzen kommende und zu Herzen gehende Freundlichkeit.... Als Freund Ihres Sohnes in nur wenigen Tagen drücke ich Ihnen und Ihrer Familie mein tiefstes Beileid aus über sein allzufrühes Hinscheiden. Zugleich aber beglück- wünsche ich Sie zu dem Ruhme und zur Ehre, dem Vaterlande einen solch ausgezeichneten Sohn und Verteidiger geschenkt zu haben. Sein Andenken bleibt in Ehren auf Erden, den ewigen Lohn wird er im Himmel empfangen...*
Bernhard Bethge(Abiturient 1910). Sein Vater schreibt:„Er hat im Oktober und November bei Lille und Fromelles im Schützengraben gelegen und an schweren Kämpfen mit den besten englischen Truppen sich be- teiligt... Er gehörte einer ganz jungen Truppe an. Ende November kam diese nach Rußland, das sie am 28. November betrat. Hier schwere Märsche bei grundlosen Wegen, kein Obdach, keine Verpflegung! Kälte, Nässe! Am 3. Dezember früh begann ein Angriff gegen eine starke russische Stellung. Am Abend hat das Bataillon sie in Händen gehabt, 2000 Gefangene, 6 Geschütze, Maschinengewehre erobert— aber unter schweren, eigenen Opfern. Bernhard ist wohl schon am frühen Morgen durch einen Schrapnellschuß in den Unterleib gefallen, später mit 17 anderen Verwundeten in ein polnisches Bauernhaus gebracht. Der Arzt hat ihm— wohl nur zu seinem Troste— Hofftunung gemacht, daß er nach der Heimat gebracht werden könne. Nach ihr und seinen Eltern stand sein Sehnen, nachdem er so schwer zu leiden hatte; er hat sich das Wiedersehen noch ausgemalt, wie ein Kamerad schreibt. Schmerzen zu haben hat er auf Fragen eines Offiziers an ihn geleugnet, trotz schwerer Verwundung der linken Bauchseite. Am 4. Dezember 4 Uhr nachmittags ist es ihm schwarz vor den Augen ge- worden— mau hat ihn aufgerichtet, gebeten, zu schlafen, was er auch willig tat. Dann hat er gesagt:„Kameraden, ich spür's daß ich sterben muß. Grüßt meine Eltern und Geschwister“. Dann ist er nach einer Viertelstunde entschlafen. Seine letzten Gedanken galten uns und der Heimat. Er liegt mit anderen begraben im russischen Schützengraben, den er mit hat erstürmen helfen. Wo? wir wissen's nicht— zwischen Lodz und Tuszyn etwa.
Geklagt hat er nie in seinen Schreiben. Aus seiner letzten Karte, die von den schweren Märschen in Ruöland berichtet, erwähne ich nur das eine, für ihn bezeichnende Wort:„Wir beißen die Zähne aufeinander und marschieren weiter“. Es ist die schöne, einfache, pflichtgetreue Aeußerung eines Soldaten— unserer Helden, und sagt alles:.. Pflichterfüllung bis zum bitteren oder schönen Ende, aber keine großen Worte darüber. Was wir von seinem letzten Tage wissen, das ist geschrieben in einem so wunderbar ergreifenden Briefe eines ganz schlichten Mannes eines anderen Regimentes, der, leicht verwundet, bei ihm war, der ihn gar nicht kannte, sich selbst nicht einmal nennt, und der ohne Aufforderung von selbst uns in seiner zarten und mitfühlenden Art das Letzte von ihm berichtete. Es war auch das Erste und Letzte, was wir von seinem Tode wissen. Ich bin überzeugt, Bernhard Bethge hat auch als Soldat dem Lessing-Gymnasium Ehre gemacht...“
Karl Klamberg(Abiturient 1910). Er wurde am 25. August beim Sturmangriff auf eine feiudliche Stellung, dicht vor dem französischen Schützengraben tötlich verwundet.„Er hat“, so schrieb sein Kompagniechef den Eltern,„in der kurzen Zeit seiner Dienstleistung bei der Kompagnie es verstanden, bei seinen Kameraden und seinen Untergebenen sich gleich belicbt zu machen; ich verliere in ihm meine beste Stütze. Tapfer und schneidig wie selten Einer starb er den Tod für's Vaterland“.
Hans Mack(Abiturient 1910). Er fiel bei einem nächtlichen Ueberfall der Franzosen auf das am selben Morgen von den Deutschen genommene Dorf Andechy bei Roye; am Ausgang des Dorfes ist er mit zwei Kameraden unter drei Linden mit militärischen Ehren bestattet worden.
Aus seinen Briefen an seine Eltern:(16. August)„Das war ein erhebender Moment, als die Sler aus der Kaserne ausrückten, das werden wir nie vergessen...“(7. September)„In dem Mantel wieder gut auf Mutter Erde geschlafen und nach Hause geträumt... Die Sphärenmusik der Granaten und Gewehrkugeln ist nicht ohne Reiz, aber aut die Dauer ist es immer dasselbe. Unsere Kanonen fanden ihr Ziel gestern nicht, auch heute nicht. Aber es wird gehen mit Kavallerie-Aufklärung. Hoffen, hoffen.... Zitterig ist die Hand vom ungewohnten Schreiben, aber sicher ist die Hand am Gewehr“.—(6. Oktober)„T40 ⁴ον πmο. Auch jetzt hat das Wort noch seine Bedeutung: Dulde, liebes Herz. Und wir schiessen und schanzen und— dulden weiter... Der Krieg reinigt den Volksgeist, aber die Opfer! Man lernt überhaupt Leute kennen von großer Tiefe. Das macht die eiserne Zeit“.


