Jahrgang 
1915
Einzelbild herunterladen

12

für das Echte und Große, für Pflicht und Ehre, für Volk und Vaterland. Bei der Morgenandacht des ersten Schultages wandte sich der Direktor, nachdem er die Vorgeschichte des Krieges kurz dargelegt, auf die reine Sache, die wir vertreten, auf das ungeheure Schauspiel der nunmehr wirklich hergestellten deutschen Volks- einheit hingewiesen hatte, zum Schluß an die scheidenden Schüler und suchte den uns alle überwältigenden Ge- fühlen Ausdruck zu geben.Große Gedanken, so schloß er etwa,und ein reines Herz, hat Goethe gesagt, ist es, was wir von Gott erbitten sollen. Dieses Glück hat euch Gott jetzt gegeben; nun wahret den heiligen, reinen Willen, der euch jetzt erfüllt, in den schweren Anstrengungen und Gefahren, die euch bevorstehen, haltet eure Wehr blank und rein, denkt in allen Nöten an Gott, den Vater unser aller. Er möge euch segnen und behüten!

An demselben Tage traf die Verfügung ein, durch die eine Not-Reifeprüfung angeordnet wurde. Die erste Not-Reifeprüfung fand in den Tagen vom 5.7. August statt; es wurden für reif erklärt 11 Ober- primaner und 3 Unterprimaner, die bereits im 3. Semester die Prima besuchten. Am 14. August wurde die Reifeprüfung des Oberprimaners Ernst Karlsberg in den gewöhnlichen Formen abgehalten. Vom 16.18. September wurden 2 Oberprimaner, von welchen einer bereits in Uniform erschien, und 1 Unterprimaner einer zweiten Notprüfung unterzogen.

Außer den 14 Oberprimanern und 4 Unterprimanern, die das Reifezeugnis erhielten, und deren Namen in der Abiturientenliste aufgeführt sind, verließen folgende Schüler die Anstalt, um in das Heer einzutreten:

Alois Etz(U D,

Hermann Goez(UI),

Hans Jochim(U D,

Fritz Cahn(0 II),

Eugen Kahl(0 II),

Otto Kraft(0 II),

August Nebel(0 II) (dieser mußte aus gesundheitlichen Gründen wieder aus dem Heeresdienst austreten und kehrte in die Anstalt zurück).

Es verblieben in Oberprima nur 5 Schüler, von denen 2 sich ebenfalls zum Heere gemeldet hatten,

aber körperlich noch nicht tauglich befunden worden waren. Sie bestanden die Reifeprüfung am 16. Februar 1915 unter dem Vorsitz des Herrn Provinzial-Schulrat Dr. Kaiser; 2 von ihnen wurden von der mündlichen Prüfung befreit.

4. Es waren erregte Wochen, jene Wochen des August und September. Einer der Abiturienten nach dem anderen brachte freudestrahlend die Bescheinigung, daß er von einem Regiment angenommen sei, und wer bei dem ungeheuren Zudrang der Kriegsfreiwilligen seinen Wunsch nicht sofort erfüllt sah, empfand dies als eine Art von Zurücksetzung. Frühere Schüler der Anstalt, die bereits im Heer standen oder jetzt eingetreten waren, besuchten uns in Feldgrau oder sandten uns vor ihrem Ausrücken freudige Grüße, aus denen die unbedingte Zuversicht auf den endlichen Sieg und der feste Wille hervorleuchtete, ihrem Vaterland und auchihrer alten Schule Ehre zu machen. Bald freilich erreichten uns auch die ersten Nachrichten vom Tode früherer Angehöriger der Anstalt; andere kehrten verwundet, teilweise im Schmuck des Eisernen Kreuzes, zu uns zurück. Bei den Schülern äußerte sich die stürmische Erregung in einem schönen Tätigkeitsdrang. Zahlreiche Schüler der oberen Klassen waren bis Ende August an je einem Wochentage, in Gruppen geteilt, am Südbahnhof beschäftigt, um bei der Verpflegung der ins Feld ziehenden Soldaten Dienste zu leisten; die Primaner waren bis zu Beginn des Winterhalbjahres am Süd-Güterbahnhof tätig, wo es galt, bei der Durchfahrt verwundeter Krieger hilfreiche Dienste zu leisten. In den ersten Wochen waren einige Schüler als Erntearbeiter auswärts beschäftigt, andere leisteten als freiwillige Radfahrer für die Kriegsfürsorge Botendienste. Mehrfach wurden Sammlungen für Zwecke der Kriegsfürsorge, für Beschaffung von Wolle, von Sanitätshunden u. dergl. veranstaltet. Karten vom Kriegs- schauplatz waren ausgehängt. Die Lehrer gingen im Unterricht soweit möglich auf die kriegerischen Ereignisse und alles, was damit zusammenhing, ein und trafen naturgemäß auf ein lebendiges Interesse.

Von großer Bedeutung war es, daß militärische Uebungen für die Jungmannschaft eingerichtet wurden. An ihnen beteiligten sich mit wenigen Ausnahmen sämtliche Unterprimaner und Obersekundaner, eine Reihe von Untersekundanern und vom Februar 1915 ab auch einige Obertertianer, im ganzen zuletzt 63 Schüler. Sie wurden geleitet von den Herren Heinrich Pinhard und Prof. Dr. Schönfelder; zeitweise beteiligte sich auch unser früherer Schüler, der Fahnenjunker Hermann Gocz. Die Uebungen fanden zweimal wöchentlich statt, Dienstag nachmittags und meist am Sonntag; an diesem Tage wurden häufig Uebungsmärsche in die Umgegend unternommen. Die Anstalt ist den Herren, welche die Ausbildung unserer Jungmannschaft in so selbstloser und opferwilliger Weise übernommen haben, von Herzen dankbar.