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Schloß besuchte. Die Unterprima wanderte von Niederweimar bis Marburg und besah die Stadt, die Obersekunda besuchte den Niederwald und das gegenüberliegende Morgenbachtal; die Ausflüge der übrigen Klassen hatten verschiedene Punkte des Odenwaldes und der Bergstraße zum Ziel.
Am 6. Mai fand, etwas verspätet, die Fünfzigjahrfeier der Düppeler Schlacht statt. Nachdem der Chor das Lied„Schleswig-Holstein meerumschlungen“ vorgetragen hatte, sprach Herr Kand. Dr. Eisner über die Bedeutung des Tages. Es folgten im Wechsel Chorlieder(„das Lied der Badener“ und„das Lied der Hannoveraner“) und der Vortrag folgender Gedichte:„Schleswigs Ostertag 1848“ und„Der Tag von Düppel“ von Fontane,„Ostern 1849“ und„Epilog 1850“ von Storm und„Protest für Schleswig-Holstein“ von Geibel. Die Feier wurde geschlossen durch den gemeinsamen Gesang des Liedes„Ich bin ein Preuße“.
Am 20. Februar 1915 beging unser früherer lieber Kollege, Herr Professor Dr. Berch, die Feier seines 50 jährigen Doktorjubiläums, zu dem ihm die Kieler Fakultät das Diplom erneuert hatte. Eine Abordnung des Kollegiums brachte ihm unsere herzlichsten Glückwünsche dar.
2. Am 1. August brach der Weltkrieg über unser Volk herein; keiner von uns wird jene Tage stürmischer Erregung, unbedingten Vertrauens auf die in unserm Volke lebenden sittlichen Kräfte, aber auch tiefen Ernstes vergessen. Drei Lehrer der Anstalt traten sofort in das Heer ein. Herr Prof. Michelis zog als Hauptmann beim 1. Bataillon des 81. Landwehr-Infanterieregiments ins Feld; in den schweren und anstrengenden Kämpfen, die in dem schwierigen Gelände der Vogesen stattfanden, erwarb er sich bald das Eiserne Kreuz. Herr Oberlehrer Dr. Burkhardt ging als Leutnant im 2. Bataillon des Bayrischen Landwehr-Infanterieregiments Nr. 5 hinaus, das an den Kämpfen an der lothringischen Grenze teilnahm. Er wurde bald Oberleutnant; ihm wurde der Bayrische Militärverdienstorden 4. Klasse mit Schwertern und darauf ebenfalls das Eiserne Kreuz ver- liehen. Herr Oberlehrer Dr. Franke wurde bei der Artillerie ausgebildet, mußte wegen einer Lungenentzündung für einige Zeit beurlaubt werden und nahm nach seiner Wiederherstellung an den furchtbaren Artilleriekämpfen in Flandern teil. Im September verließ uns Herr Rabbiner Dr. Salzberger, der als Feldgeistlicher zum Heere einberufen wurde. Im Oktober war auch Herr Prof. Steiger mehrere Wochen abwesend, da er als Offizier- stellvertreter bei einem Landsturmbataillon eingezogen war; er wurde aber aus gesundheitlichen Gründen bald wieder aus dem Heere entlassen. Herr Kand. Schmidt hatte uns ebenfalls bereits am 1. August verlassen, um als Unteroffizier der Reserve in das Heer einzutreten; Herr Kand. Dr. Eisner wurde im September als Infanterist eingestellt.
Da 3 Oberlehrer im Felde standen, mußte die Stundenverteilungstark verändert und der Unterricht eingeschränkt werden. Die beiden Parallelklassen der UI wurden zusammengelegt; der hebräische Unterricht, die physikalischen Uebungen, das geometr. Zeichnen fielen fort, der Turnunterricht und auch der Religions- unterricht mußten etwas eingeschränkt werden; bis zum Herbst konnte auch kein Singunterricht erteilt werden. Mit größtem Dank war es zu begrüßen, daß sich mehrere außerhalb des Kollegiums stehende Herren uns für den Unterricht zur Verfügung stellten. Der Rektor der Akademie, Herr Prof. Dr. Wachsmuth, übernahm bis zum Herbst trotz der großen Menge von Amtsgeschäften, die ihm aus den Vorarbeiten für die eben ins Leben tretende Universität Frankfurt erwuchsen, den physikalischen Unterricht in O T. Herr Oberlyzealdirektor Prof. Keller, der, wie er sagte,„auch gern wieder einmal Jungens unterrichtete“, erklärte sich sofort freiwillig bereit, uns zu unterstützen, und erteilte bis zum Ende des Jahres den deutschen Unterricht in U II. Den israelitischen Religionsunterricht übernahm in opferwilliger Weise Herr Rabbiner Dr. Horovitz. Im Oktober trat auch der Gesangunterricht wieder ins Leben, da Herr Gesanglehrer Herborn in großer Selbstlosigkeit seine Kraft in den Dienst der Anstalt stellte; er erteilte 7 Stunden Gesangunterricht von Prima bis zur Sexta. Unmittelbar nach der Mobilmachung war ferner der Pfarrer an der Peterskirche, Herr Lic. Zurhellen, aus freien Stücken zum Direktor gekommen und hatte ihm angeboten, Lehrstunden zu übernehmen; er half uns aus der Not, indem er den Religionsunterricht in U III und VI erteilte. Im Oktober gab er den Unterricht auf; ihn trieb sein Herz, die Waffen zu ergreifen und mit seinen Volksgenossen hinaus in den Kampf zu ziehen. Auf das Tiefste erschütterte ans die Nachricht, daß er zu Anfang November, wenige Tage nachdem er als Offizierstellvertreter bei seinem Regiment eingetroffen war, im Schützengraben von einer tödlichen Kugel getroſften worden sei. Er hatte nach dem Körner'schen Wort gehandelt:„für das Vaterland den Tod zu erleiden ist keiner zu gut, wohl aber sind viele zu schlecht dazu“. Mit uns betrauerte eine dankbare Gemeinde und viele Freunde und Verehrer in ihm oinen Mann, der nicht nur an Geist und Wissen hervorragte, sondern ein tief innerlicher, echter Mensch war von tiefem Empfinden, von starken festgegründeten Ueberzeugungen, die er in seinem Handeln— bis zum Tode— vertrat, edel, gütig, jederzeit hilfsbereit, eine vorbildliche Persönlichkeit.
3. Sowie die Mobilmachung verkündet worden war, verlangten in stürmischem Drängen zahlreiche Oberprimaner, denen sich mehrere Unterprimaner und Obersekundaner anschlossen, in das Heer eingereiht zu werden: ein erhebendes, den Erzieher beglückendes Zeugnis des in unsrer Jugend lebendigen starken Empfindens


