1910 beurlaubt. Im Winter wurde er vornehmlich durch Herrn Zeichenlehrer Moldenhauer vertreten, der 18 Stunden seines Unterrichts übernahm, und dem wir für den Eifer und die Pflichttreue, mit der er seinen Dienst versah, und die freundliche und gütige Art, mit der er sich seiner Schüler annahm, herzlichen Dank aussprechen.
Zu Michaelis 1909 durften wir das Jubiläum des Herrn Professors Dr. Koob begehen, der vor 25 Jahren in das Kollegium des Städtischen Gymnasiums eintrat, zu Ostern 1910 das des Herrn Professors Dr. Jungblut, der, nachdem er bereits seit einem Jahre der Anstalt als Hilfslehrer angehört hatte, Ostern 1885 zum ordentlichen Lehrer ernannt wurde. Wir hoffen mit beiden um unser Gymnasium sehr verdienten Herren noch recht lange zusammenzuwirken.
Zu Ostern 1910 steht uns ein Verlust bevor, den wir herzlich bedauern: Herr Oberlehrer Schuster, der seit Ostern 1904 an unserer Anstalt gewirkt hat, gedenkt uns zu verlassen und an die Leibnizschule in Hannover überzugehen. Wir verlieren in ihm einen hochgeschätzten Lehrer, der besonders der Methode des Religionsunterrichts seine Kraft zugewandt hat, einen Mann von ernstem wissenschaftlichem Streben und geschlossener wissenschaftlicher UÜberzeugung, der seinen Schülern immer mit Güte und warmem Herzen zur Seite stand, seinen Kollegen eine zuverlässige, freundliche Gesinnung bewährte.— Seine Stelle kann leider zu Ostern noch nicht wieder besetzt werden.
Im Februar hielt Herr Pfarrer Werner vor unseren Schülern und den Schülerinnen der Humboldtschule in unserer Aula einen durch zahlreiche Lichtbilder veranschaulichten, sehr lebendigen und interessanten Vortrag über seine Reisen in der Sinaihalbinsel und Palästina, für den wir ihm zu großem Dank verpflichtet sind. Ebenso dankbar sind wir Herrn prakt. Arzt Dr. Bornemann, der, wie schon im vergangenen Jahre, aufklärend und warnend vor unseren Abiturienten über gewisse sittliche Fragen sprach. Im Februar hielt auch der Direktor vor den Schülern der Klassen I—III“¹ einen durch Lichtbilder erläuterten Vortrag über seinen Besuch der Ruinen- stätten von Ephesos und Hierapolis.
Mit Genehmigung des Kgl. Provinzial-Schulkollegiums erteilt seit Ostern 1909 der Direktor in der Prima Unterricht in der philosophischen Propädeutik. Der Kursus beginnt mit dem zweiten Halb- jahr der Unterprima und setzt sich bis zum Schlusse des ersten Halbjahrs der Oberprima fort; in jeder Woche wird einem oder dem anderen Unterrichtsfach eine Stunde abgenommen, sodaß sich im ganzen eine Zahl von 36— 40 philosophischen Lehrstunden ergibt. Den Gegenstand des Unterrichts bilden ausgewählte Abschnitte aus der Logik, der Erkenntnistheorie und der Psychologie; auch wird versucht, gelegentlich die Schüler in elementarer Weise in bedeutsame philosophische Grundrichtungen einzuführen. Der Zweck des Unterrichts ist, das philo- sophische Interesse anzuregen und zu weiterem Nachdenken und späteren Studien auf diesem Gebiete einen Anstoß zu geben.
Von den 25 Oster-Abiturienten hat die Mehrzahl, 14, größere freie Arbeiten eingereicht. Von diesen beziehen sich 7 auf mathematische Gegenstände(kubische Gleichungen, graphische Darstellungen zur Meteorologie und Statistik, Zinseszins- und Rentenrechnung und ihre graphische Darstellung, diophantische Glei- chungen, imaginäre Zahlen, Progressionen oder Reihen, Gedankengang und Erklärung der Abhandlung des Archi- medes über die Sandeszahl) 2 auf Philologisches(die homerische Kultur auf Grund der Gleichnisse geschildert, die homerische Tierwelt), 2 auf die deutsche Literaturgeschichte(Chamisso, der religiöse Gehalt von Lessings Nathan), 2 auf historische Dinge(Staat und Kirche im Reich der Merovinger, die Tätigkeit des Hohenstaufen Friedrichs II. für Deutschland) und eine auf ein Thema aus der Musikgeschichte(Felix Mendelssohn-Bartholdy).
Der stenographische Unterricht wurde in derselben Weise wie früher, nämlich durch Schüler erteilt. Es bestanden drei Gruppen, die von Dönges(Iu), Siesel(Ia a) und Plettung(II.) geleitet wurden.— Die freiwillige Turnriege stand unter der Leitung des Herrn Oberlehrers Schuster.
3. Schulfeste.
Bei Gelegenheit des Deutschen Sängerwettstreites, der in der Zeit vor Pfingsten stattfand, war Seine Majestät der Kaiser in Frankfurt anwesend; den Schulen wurden daher durch Verfügung des Kgl. Pro- vinzial-Schulkollegiums 2 Tage frei gegeben. An dem großen Schüler-Konzert, das am Donnerstag vor Pfingsten zu einem wohltätigen Zweck in der etwa 18,000 Menschen fassenden Festhalle veranstaltet wurde und aus Gesang und Instrumentalmusik bestand, nahmen auch ausgewühlte Sänger des Lessing-Gymnasiums sowie unser Schüler-Orchester teil.


